Juden als schlechter Traum der Antisemiten - so sieht es aus, wenn Buchstabengläubige anderen unterstellen, in einem Buch zu leben bzw. aus ihm zu kommen:
>>... Und jetzt fängt alles wieder an. Aber eigentlich war dies von Anfang an absehbar, wie eines der bizarrsten Interviews, die damals [beim letzten Libanon-Krieg, VR] übertragen wurden, deutlich zeigte: Ein israelischer Reporter unterhielt sich über den Grenzstreifen mit einem Hizbullah-Kämpfer. «Ihr seid aus der Geschichte», erklärte der dem Reporter: «ihr seid aus diesem Buch - wie heisst es doch gleich noch mal, ach ja, die Bibel. Geht dahin zurück.» Der israelische Reporter versuchte dem Hizbullah-Kämpfer zu erklären, dass es ausser der geschichtslosen Geschichte auch ein Hier und Jetzt gebe: «Aber nun können wir in Frieden leben, ihr in Libanon und wir in Israel.» Worauf der Hizbullah-Mann nur lächelte: «Israel existiert nur in eueren Köpfen, das gesamte Land gehört uns.» Dieses Gespräch wurde im freundlichsten Ton geführt...<<
Nachdem ich die massenhafte begeisterte Rezeption der Verschwörungsliteratur des US-Autors Dan Brown bereits in meine Überlegungen zur Entschwörungstheorie eingebaut hatte, um an ihnen die für Verschwörungstheorien charakteristische Konstruktion eines Eigentlichen gegen ein Abstraktes - im Falle von "Sakrileg" also der wirklichen königlichen Blutlinie statt der metaphorischen Herrschaft Christi - aufzuzeigen, hielt ich es für angebracht, mir auch den dazugehörigen aktuellen Blockbuster anzuschauen.
Das wenige Gute vorweg: die reichlich zwei Stunden gehen schnell vorüber, Audrey Tatou hat trotz ihrer überladenen Rolle als letzter Nachfahrin von Jesus die eine oder andere Pointe,
Abgesehen davon ist der Film nicht nur unbeschreiblich platt und vorhersehbar, sondern erscheint mir auch kreuzgefährlich (sic!). Denn die Frontstellung des Eigentlichen gegen das Abstrakte ist viel offener antisemitisch konnotiert, als ich angenommen hatte. Sehr klar stehen sich Natürlichkeit und Künstlichkeit schon dadurch gegenüber, daß die Selbstgeißelung des tötenden Opus-Dei-Adepten, der hier auch noch völlig blödsinnig als Mönch bezeichnet wird, als reine Perversion funktioniert. Er ist als Albino völlig überzeichnet und vereinigt als einziger offen Nichtgesunder und als williges Werkzeug der Verschwörung klassische Stereotypen in sich.
Zur Tötungsabsicht heißt es denn auch: "Sie wollen ihn töten, wie sie Jesus getötet haben." Überhaupt wird in den geschichtlichen Rückblicken einiges an Relativierung ausgepackt: "Der Hexenhammer war das blutrünsigste Traktat in der Geschichte der Menschheit." 50000 getötete vermeintliche Hexen werden genannt, mit dem bezeichnenden Nachsatz: "... manche reden von Millionen."
Der von Tom Hanks zur reinen Karikatur reduzierte Symbologe, der mit Audrey Tatou auf der Suche nach dem Gral, also dem Beweis der königlichen Abstammungslinie, herumhetzt, kann für einen Mann seines Fachs auf ein Symbol angesprochen verblüffend schnell sagen: "Das hat keine Bedeutung." Was jedoch für ihn Bedeutungen sind, führt er eingangs in einem Power Point-Vortrag aus. Er präsentiert seinem Publikum Bildausschnitte, die ein bestimmtes Symbol erkennen lassen, um dann beim Herauszoomen ein Gesamtbild mit einer anderen Bedeutung zu zeigen. Die ersten beiden Beispiele sind die Teufelsforke, die sich als Poseidons Dreizack entpuppt, und eine vermeintliche Jesus- und Maria-Szene, die eigentlich Isis und Osiris zeigt. In beiden Fällen gibt es eine "ursprüngliche" Bedeutung des Symbols, die für den Symbologen hier auch explizit die wahre Bedeutung ist, während die verfälschte durch den jüdisch-christlichen Kontext entsteht.
Das dritte Beispiel, das nicht mehr direkt kommentiert wird, sondern nur groß im Hintergrund zu sehen ist, bildet das Hakenkreuz in der Verwendung durch die Nazis, dann in seiner "ursprünglichen" Bedeutung als indisches Swastika. In dieser vorgeführten Reihe wurden wir also irregeführt, es als Nazi-Symbol zu sehen, was es ja "eigentlich" nicht ist. Hier handelt es sich um einen wohlbekannten Taschenspielertrick von Antisemiten, die dafür werben wollen, das Symbol wieder überall zeigen zu dürfen, typisch etwa (Achtung, Naziseite) so.
Die "Entschlüsselungen" im weiteren Verlauf des Films sind ähnlich unterkomplex, Anagramme gelten bereits als Codes und immer müssen die Buchstaben zurück ins Glied, um wieder den "ursprünglichen" Sinn zu ergeben. Ein Teppich auf einer Klappe ist der Schutz für die zweitausend Jahre alte Bibliothek der "Gralsdokumente", die dort in einem feuchten englischen Keller gelagert werden.
"Historiker-Porno" nannte scrupeda diese Filmsequenz: in Regalen mit Aufschriften wie "8-54 AD" geordnet, aber nicht von Archivaren weggeschlossen, liegt dort die Aufzeichnung der einzig relevanten Königsfamilie griffbereit herum. So hätten sie es gern. Gralsforscher Teabing darf denn auch lange vorher schon ausrufen: "Die Geschichte war hinter Glas - jetzt leben wir die Geschichte!" (In punkto Implikationen auch nicht schlecht: "Niemand haßt die Geschichte, man haßt nur seine eigene Geschichte.")
Unterdessen wird die potentielle Königin, die letzte Vertreterin der Jesus-Dynastie, jedoch immer farbloser. Anfänglich wird ihr für eine Frau verwirrend viel Intelligenz zugeschrieben, der Symbologe sagt: "Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die so viel von Verschlüsselung versteht." Dafür bekommt er weder eine gefeuert noch einen Kommentar. Doch nachdem der Spuk aufgeklärt ist und klar wird, daß sie nur wegen der Anleitung ihres Großvaters soviel darüber weiß, um später die Schlüssel richtig anwenden zu können, wird sie fast vollständig wieder zum dummen Muttchen, daß hin und wieder eine kindlich-launige Bemerkung machen darf. Zum Frauenbild fällt auch auf, daß alle befreite Weiblichkeit die Bruderschaft von Sion dennoch Wert darauf legen läßt, daß Maria Magdalena königlichen Blutes war und keinesfalls eine Prostituierte - als solche ist sie nur von den Katholiken verunglimpft worden, "das arme Ding." Vielsagend, daß die abstrakte Gottheit, der Menschengott Jesus, Maria Magdalena auch als Hure akzeptierte.
Pierre Plantard entwarf die zugrundliegende Verschwörungslegende in den Sechzigern als Mittel zur Reinigung der katholischen Kirche vom jüdisch-antichristlichen Einfluß, der nicht nur von ihm im Zweiten Vatikanischen Konzil als manifest angesehen wurde.
In gewisser Weise ist Plantards Theorie eine antisemitische Rettung durch die Kassierung einer anderen katholischen antisemitischen Verschwörungstheorie, die von ihm als Irreführung angesehen wurde, nämlich der von den "jüdischen" Templern. Diese hatten in der Auffassung unzähliger katholischer Laien nämlich die Kreuzzüge mißbraucht (in manchen Fassungen sogar angezettelt), um sich in Palästina zu bereichern und ihre Templerbank zu begründen.
Die Staatsaktion gegen den Templerorden 1307 wurde nach dieser Logik als gerechtfertigtes Pogrom angesehen. Plantard widerspricht dieser Geschichte, indem er die Templer und Prieuré de Sion zu Wächtern eines in Palästina geretteten Reliktes macht, was ihre Verfolger in ein völlig anderes Licht rückt.
"The Pope as Antichrist riding the Beast of the Apocalypse." Artist unknown. From Fierie Tryall of God's Saints (1611). The Folger Shakespeare Library.
Gleichzeitig zielt Plantards Revision jedoch ins "jüdische" Herz der christlichen Kirche, nämlich auf die Verehrung einer Abstraktion, eines übermenschlichen Göttlichen und einer metaphorischen Herrschaft. Dagegen setzt er - wie auch Buch und Film von Dan Brown - eine ganz im lutheranischen Sinn "menschlichere", "sinnlichere" Religion, einen Lebenskult gegen den vermeintlichen Todeskult, ein gesundes neuheidnisches Konkretes, um die jüdisch-christliche Selbstkontrolle und Abstraktion wieder loszuwerden. Von der katholischen Marienverehrung ist vielleicht auch deshalb nichts zu sehen und zu hören, denn sie würde die Ähnlichkeit zwischen der als frei bezeichneten Ursprünglichkeit des empfangenden Weiblichen als "Kelch" und dem katholischen Mutter-Ideal augenfällig machen. Befleckt oder unbefleckt, zentral bleibt die Empfängnis.
Daß ein derart fundamentaler Angriff auf die Vermittlung mit derart plumpen Mitteln funktionieren kann, weist darauf hin, wie groß die Gefahr massenhafter Verbreitung von Verschwörungstheorien derzeit ist. Daß vieles in Buch und Film keinen rechten Sinn ergibt, daß die Rätsel alle sehr ähnliche Lösungen haben, daß Opus Dei als Reaktion auf die einsetzende Flut von Drohungen und Verdächtigungen maximale Transparenz praktiziert - all das wirkt dank verschwörungstheoretischer Aufbereitung eher noch unterstützend.
Dem wahnhaften Quatsch ist, wie der 'Spiegel' uns gerade sehr schön an Ahmadinedschad vorgeführt hat, mit Argumenten nur mäßig beizukommen. Ihm muß der Boden entzogen werden, indem für Vermittlung, Abstraktionsfähigkeit und Selbstdistanz geworben wird, indem immer wieder darauf hingewiesen wird, wohin die negative Aufhebung der gegenwärtigen Zumutungen führt. Der AFBL faßt das ganz treffend: "Capitalism is not a conspiracy of a few - it works cause we work."
In meinem Bestreben, möglichst viele Versionen der Ereignisse in Rußland 1917/18 zu sammeln, um an ihnen die produktive Kollision von Cut-up und Geschichtskritik zu exemplifizieren, konnte ich bisher zumeist davon ausgehen, eine oder zwei Revolutionen als die "wirklichen" bzw. "eigentlichen" oder "wesentlichen" präsentiert zu bekommen. Die Begriffsklärungsseite der englischen Wikipedia führt jedoch die anarchistisch-sozialrevolutionäre Bewegung gegen die Bolschewiki als dritte Revolution an.
Weiter bin ich damit beschäftigt, die verschiedenen Versionen der russischen Revolution von 1917 zu sichten, um sie zu einem oder mehreren Cut-ups zu verbasteln. Der bisher schönste Satz - der zweite im folgenden Zitat - stammt aus der Einleitung zu Trotzkis "Geschichte der russischen Revolution" und klingt, als wäre ein deutscher Historist mitten dabeigewesen und hätte sich dann zurechtdrehen müssen, was er gesehen hat:
"Die Entwicklung einer historisch verspäteten Nation führt notgedrungen zu eigenartiger Verquickung verschiedener Stadien des historischen Prozesses. In seiner Gesamtheit bekommt der Kreislauf einen nicht planmäßigen, verwickelten, kombinierten Charakter."
Naja, solange es ein Kreislauf ist, kann er so viele Ecken und Kanten haben, wie er will. Those who repeat history are doomed to write it.
Islamist Reda Sayem sitzt in einem Berliner Restaurant und sagt: "1000 Jahre beherrschten Muslime die Welt, bis das Kalifat fiel." Und dann schlicht: "Osama bin Laden sagt nicht, man soll diesen oder jenen töten, der Koran sagt das."
In einer dctp-Sendung über das "historische" Alexandria verbreitet sich Prof. Dr. Manfred Clauss von der Frankfurter Goethe-Uni sichtlich ergriffen über "antike Touristen", die den Leuchtturm von Pharos besichtigen, obwohl er schon kurz darauf zugeben muß, daß noch nichts von ihm gefunden wurde. Das Gemälde ist richtig, die Gegend ist falsch. Das Zusammenspiel zwischen dem Interviewer und dem "Experten" ist schon fast obszön, es werden dumme Fragen gestellt, auf die mit größtmöglicher Gewißheit geantwortet werden muß. Muster: Das und das hat es doch aber gegeben, ja, das hat es natürlich gegeben, wenn wir auch nichts davon haben/wissen/kennen. Im Tonfall der gesicherten Erkenntnis kann Clauss also genauso sagen: "Das Christentum entsteht nach dem Tod Jesu Christi", wie er darauf verweist, daß hauptsächlich wegen der christlichen Quellenselektion 90% des überlieferten antiken Materials aus der Spätantike stammt. Er kann einen antiken Stadtrundgang schildern und eine Minute darauf sagen, daß Alexandria seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch das Stadtwachstum nicht mehr rekonstruierbar ist.
"Daß wir hier mehr einen Komplex abzustecken als präzise Angaben zu machen inmstande sind, hat einen recht handfesten Grund, der gerade einem nachdenklichen Leser unserer Weltgeschichte nicht verschwiegen werden darf. Im Hinblick auf die Fülle des griechischen Lebens in allen seinen Ausprägungen ist seine auf uns gekommene Hinterlassenschaft dem Umfang nach von erstaunlicher Dürftigkeit. Das meiste ist, so darf man unbedenklich sagen, einfach verloren, und die Aussicht, daß sich durch neue Funde an diesem Tatbestand etwas wesentlich ändert, ist so gut wie hinfällig. Nicht nur ist bloß ein geringfügiger Bruchteil der ungeheuren griechischen Literatur, der poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen, erhalten, sondern - und dies fällt gerade für die historische Analyse ins Gewicht - es feheln auch so gut wie alle Angaben über die Verzahnung der individuellen Existenz der Intellektuellen mit der sozialen Ordnung. Kaum eine erschöpfende Biographie eines Philosophen oder Dichters gibt uns über seine Stellung in der Gesellschaft und über seine wirtschaftliche Basis Auskunft. Auch von daher ist es nicht verwunderlich, daß unser Klassizismus die Griechen fast gänzlich entkörperlichte und in einer reinen Sphäre schweben ließ. Selbstverständlich ist dieses Fehlurteil von der Wissenschaft prinzipiell längst revidiert worden, aber eine plastische Gegenzeichnung zu geben, war sie einfach mangels notwendiger Erkenntnisquellen nicht imstande, sosehr sich auch die realistische und bewußt sich historisch gebende Altertumswissenschaft des 19. Jahrhunderts darum bemühte. Die Mißlichkeit unserer Quellenlage macht sich besonders auf dem Gebiet der Wirtschafts-, Sozial- und Verwaltungsgeschichte bemerkbar.
(...)
Aus bestimmten hier nicht zu erörternden Gründen reicht die Erforschung der griechischen Geschichte kaum über das 18. Jahrhundert zurück..."
Heuß, Alfred: Einleitung, in: Propyläen Weltgeschichte, Dritter Band - Griechenland. Die hellenistische Welt, Frankfurt am Main 1991 (Berlin 1962), S. 19
SPIEGEL: Sie deuten den Terror in beiden Systemen als "Ausdruck von Schwäche". Beide Diktatoren seien von "tiefreichenden Ängsten und Unsicherheiten" geprägt gewesen. Was meinen Sie damit?
Overy: Hitler wie Stalin waren Anhänger von Verschwörungstheorien. Der "Führer" glaubte wirklich, überall auf der Welt würden Juden daran arbeiten, Deutschland zu zerstören und war ja tatsächlich der Auffassung, wissenschaftliche Erkenntnisse würden seine Meinung stützen. Stalins Weltsicht hingegen basierte auf der Idee, dass die sozialistische Revolution immer durch bourgeoise Kräfte gefährdet sei und viele Leute, die sich als Kommunisten ausgeben, eigentlich bourgeoise Spione seien. Es war eine Phantasiewelt mit metaphorischen Feinden.
SPIEGEL: Ohne jeden Bezug zur Wirklichkeit?
Overy: Man deutet sich diese zurecht. Bei Stalin löste der Spanische Bürgerkrieg 1936 Einkreisungsängste aus, die ihn überall nach Agenten suchen ließen. Und Hitler erklärte Ende 1941 den USA den Krieg, weil er überzeugt war, die Juden würden Amerika in den Krieg ziehen. Viele Historiker datieren daher die Entscheidung zum Holocaust auf den Dezember 1941.
SPIEGEL: Und warum teilten viele Anhänger Hitlers und Stalins diese obskuren Verschwörungstheorien?
Overy: Sie entsprachen dem verbreiteten Bedürfnis nach einem Feindbild. Große Teile der Bevölkerung unterstützten ja eine als idealistisch empfundene Verwirklichung einer Utopie. Die Leute wollten sich als tugendhaft empfinden und brauchten einen Feind, von dem sie sich absetzen konnten.
Verblüffend, wie "Bombenkriegs"-Experte Jörg Friedrich mit den deutlichen Worten über die deutschen Verbrechen, die ihm die Erlaubnis für seine restlichen Ausführungen zu verleihen scheine, das Publikum aus rechten CDUlern und rechten Bürgerrechtlern in der Gedenkbibliothek am Nikolaikirchplatz zu schockieren vermochte.
In diesen Momenten wurde deutlich, wie weit sich der gegenwärtige Geschichtsrevisionismus von seinen Vorformen unterscheidet und wie sehr er auch auf eine andere Zielgruppe hin formuliert ist als auf diese alte Garde, die ihn damit ansagt, daß er als Jahrgang '44 "physisch wenigstens dabei war" und aus ihm die Aussage bezieht, daß klargemacht werden muß, "welche Opfer in solchen Kriegen anfallen, egal auf welcher Seite."
Denn Friedrich vermeidet klare Aussagen. Er stellt Fragen, deren implizit schon mitschwingende Antworten dann bei der bloßen Relativierung nicht stehenbleiben. Innerhalb desselben Satzes ist er in der Lage, den Schrecken der Einsatzgruppen hinter der Ostfront auszumalen und dennoch auf der Einzigartigkeit des "Untergangstraumas" der Deutschen (so die Überschrift des Abends) zu bestehen.
Er präsentiert sich selbst als 68er, der älter geworden ist und gelernt hat. Er hätte selbst noch in seinen Vierzigern gesagt, daß ihn die zerbombten Städte mit Genugtuung erfüllt hätten, da sie demonstrieren würden, daß die "Zivilisation es nicht duldet, wenn Menschen wie Läuse behandelt werden" und daß eben diese "Zivilisation eine Antwort darauf" hätte. Die Genugtuung, das Behagen sei ihm jedoch durch seine detaillierten Studien abhanden gekommen.
Der immer noch vorhandene Rechtfertigungsdruck zeigte sich jedoch darin, daß er je zwanzig Minuten damit verbrachte, die beiden Slogans zurückzuweisen, die er vergangenes und vorvergangenes Jahr in Dresden von der "Minderheit von Dresdner Bürgern" aufgeschnappt hatte, die "über die Massentötung frohlocken" würden. Erstaunlicher Kommunikationsweg: ihm von einer Kundgebung etwas zurufen und dann auf seiner Veranstaltung seine Antwort hören, obwohl er nicht mal angenommen haben dürfte, daß einer der "Gegner" anwesend war.
Zu "Do it again, Harris" referierte Friedrich die Optionen, die der Staatsanwalt nach Christel Gigi Romeisers Anzeige sah, dagegen vorzugehen, die er jedoch alle verwarf, da die Bedingungen weder das Andenken konkreter Verstorbener verunglimpft worden sei noch die Handhabe gegen die Bagatellisierung oder Leugnung von Völkermord anwendbar gewesen sei, wie sie ja, so Friedrich, gegen den "unseligen David Irving" gerade Anwendung finde. Elegant sprang er sofort zum Terminus "Bombenholocaust", der "unterstellen würde, Deutschen und Juden wäre das gleiche zugestoßen."
Hier funktionierte die Interaktion mit dem Publikum, denn sofort nickten zehn ältere Menschen, die damit einer gar nicht explizit vertretenen These zustimmten.
Doch Friedrich war noch nicht fertig mit der "Minderheit Dresdner Bürger" und dem "Bombenholocaust". "Nuklearer Holocaust" sei doch ein stehender Begriff der Friedensbewegung gewesen und nichts anderes getan, als "ein Äußerstes an Schrecken zu bezeichnen". Er fügte wiederum ohne eine greifbare Aussage hinzu: "Die Verschrotteten von Dresden mit den Verschrotteten von Auschwitz zu vergleichen, stieß in Deutschland auf eine tief sitzende Empfindlichkeit."
Er sprach zwischen den Zeilen, auch als er sich dem zweiten Slogan der "Minderheit Dresdner Bürger" zuwandte, im Original "Deutsche Täter_innen sind keine Opfer", bei ihm: "Das Argument der Gegner lautete, hier würden Täter und Opfer verwechselt" - als würde es sich um eine optische Täuschung handeln.
So sah sie aus, die "Minderheit von Dresdner Bürgern"
Zwei kleine Halberstädter Mädchen, von denen eines beim Bombenangriff 1945 ums Leben kam und das andere, gerade ein paar Zentimeter entfernt, am Leben blieb, dienten ihm einerseits als Gelegenheit, seinen Akademiker-Simulations-Sound ("Insofern denke ich...", alles ist "eigentümlich", Guido-Knopp-Diktion) um die Facette der protestantischen Predigt (Timbre zur Erzeugung von Einvernehmen) zu erweitern, außerdem als Vorlage für weitere Fragen: "Erlitt Ingrid die verdiente Strafe? Hat sich Hannelore als unschuldig erwiesen? Waren die 30 Millionen Städter schuldig, die 50 Millionen Landbewohner unschuldig?"
Es würde einen nur so anschreien, daß "elementare Rechtsbegriffe" - er war immer noch bei Tätern und Opfern - "auf die Vorgänge im Bombenkrieg nicht anwendbar seien". Es wäre unsinnig, die alliierte Luftwaffe als "fliegendes Strafgericht" anzusehen, daß "eine halbe Million Todesurteile" fällte. Immerhin betonte er nun - begleitet vom Stirnkräuseln seiner Zuhörenden - den Unerschied zwischen den Juden, denen keine Wahl gestellt wurde, und den Deutschen, denen per Flugblatt mitgeteilt wurde, was sie zu tun hätten, damit "es aufhört". Natürlich entwertete er diese Unterscheidung sofort dadurch, daß er erklärte, Kindern sei es nicht möglich gewesen, Hitler zu stürzen oder zu fliehen.
Nun war er mit den konkreten "Gegnern" fertig, doch nur, um gleich viel weiter auszugreifen: "Massenausrottungen in Deutschland fanden immer unter dem Beifall der Theologen, Moralisten und Intellektuellen statt." Gegen die "Verrechnungskultur" würden keine Argumente helfen. In Deutschland gäbe es die "entwickeltste Mitleidskultur der Welt", eine "Welt von Opfern" finde hier "stets Mitleidende". Es dürfe keine Vergeltung irgendwo stattfinden, nur die gegen Deutschland durfte. Das seien ja nur "die Wunden des eigenen Volkes".
Der große Bogen der Superrelativierung wurde erst jetzt aufgespannt.
Friedrich rechnete vor, daß nur etwa 1,5% der Stadtbevölkerung getötet worden seien (das "nur" hatte die wohl beabsichtigte Wirkung auf die Zuhörenden), insgesamt vielleicht 10% persönlich betroffen gewesen wären, daß aber alle "Lebendiggebliebenen traumatisiert" worden seien: "Der Bombenkrieg ist ein Theater, eine Veranstaltung des Grauens mit einer klaren Moral: Du sollst Hitler stürzen!"
Während er nun immer deutlichere Bezeichnungen für die alliierten Luftsoldaten fand ("Terroristen", "Folterer", "Folterknechte"), hob er hervor, daß sie Deutschen sich aber nicht haben "unterwerfen" lassen, wie zuvor auch die Londoner nicht. Die Deutschen hätten "lieber ihr kulturelles Erbe und ihre Städte geopfert", "die Bombe spekulierte mit dem falschen Risiko".
Das "Echo" auf die deutschen Verbrechen hätte also nur eine Minderheit getroffen, so daß "die am Leben Gebliebenen den Toten etwas schuldig" seien; der Zweite Weltkrieg sei außerdem von Hitler _und_ Stalin entfesselt worden ("Damit jage ich meinen Zuhörern immer Schauer des Entsetzens über den Rücken" - den Eindruck hatte ich bei dieser Gelegenheit nicht); die "Massentötung aus der Luft" sei nicht "an Deutschland gebunden" gewesen, sondern sollte den Plänen nach schon bald etwa die Sowjetunion nuklear treffen; die "antiimperialistische Solidarität der 68er" sei als Folge der Ausblendung des "Untergangstraumas" zu verstehen; Verdrängung sei im Gegensatz zur Aufarbeitung "normal", die Amerikaner würden "auch nicht über Sklaverei und Indianerausrottung" reden.
Die Teilnehmer an den camouflierten Naziverbrechen in den Lagern und an der entfernten Front, rechnete er weiter vor, waren mit ein bis zwei Millionen ebenfalls eine Minderheit (das muß man erstmal über die Lippen bringen!), während jedoch - und jetzt war er bei der Pointe angelangt - die gegen die Deutschen gerichteten "Massenvergewaltigungen, Massentötungen und Vertreibungen" eben "nicht versteckt, sondern offen" stattfanden, "in der Mitte deutscher Städte".
Alles weitere war Nachspiel. Er fragte etwa: "Was ist das eigentlich Unerträgliche, wenn wir die beiden Qualen der Zeit in Beziehung zu setzen versuchen?" Man müßte nur die jeweilige Besatzerpropaganda gegenlesen (Amerikaner über die russischen Massenvergewaltigungen, Russen über anglo-amerikanischen Bombenterror). Aus Scham jedoch dürften wir unser Leid nicht für schlimmer erklären als das der anderen. Reue würde gegenüber der Klage als ethischer gelten.
Er selbst hätte ja nur, nachdem er sich "sein ganzes Leben" mit den "toten Judenkindern abgegeben" hätte, "ohne Urteil und Anklage in einem einzigen Buch einmal die andere Seite darstellen" wollen.
Überhaupt, so sein Abschlußstatement, seien die Deutschen mit dem "Verlust der nationalen Identität" genug gestraft.
<<The Trojan War took place around the alleged year 1225 BC. We know nothing of when Homer had really lived... At any case, we are told that Homer had lived in an epoch separated from that of the Trojan War by several centuries... Thus, he must have "written his poems" a few hundred years after the war.
He wrote two gigantic poems. They occupy 700 pages of the modern 1967 edition, no less, the font being rather small. The poet is supposed to have memorized both of them and started singing the poems to his audience. He must have been at it for many years, since the peoms had not been recorded anywhere in his lifetime. We are surprised to hear that both the Iliad and the Odyssey had first been writen down... in 560-527 BC.
Thus, both titanesque poems, adding up to 700 pages of a contemporary book, are supposed to have been recorded for the first time 670 years after the Trojan War.>>
Anatoly Fomenko, History: Fiction or Science Vol.2, S. 115f.
<<Die Autobiographie von Mao Tse-tung bestand zu großen Teilen aus Interviews, die Mao im Sommer 1936 dem amerikanischen Journalisten Edgar Snow gegeben hatte. Es war der einzige ausführliche Bericht über sein Leben, den Mao jemals gab. Snow schrieb auch ein eigenes Buch, Roter Stern über China, das sich in erster Linie auf Interviews mit Mao und anderen Kommunisten stützte und den Grundstein für die Rehabilitierung der Kommunisten legte - nicht zuletzt, indem es über ihre blutgetränkte Vergangenheit hinwegsah.
Die Begegnung mit Snow hatte sich nicht zufällig ergeben. Im Frühjahr 1936 hatte Mao die Untergrundbewegung in Shanghai gebeten, einen ausländischen Journalisten zu finden, der seine Geschichte aufzeichnen und veröffentlichen könnte... Nach sorgfältiger Prüfung lud Mao Snow ein, der in seiner Person alle notwendigen Eigenschaften vereinigte: Er war Amerikaner, schrieb für zwei einflussreiche Blätter, die Saturday Evening Post und die New York Herald Tribune, und sympathisierte mit der Person und der Sache, über die er berichten sollte. Snow traf im Juli in dem von den Kommunisten beherrschten Gebiet ein...
Mao überließ nichts dem Zufall und diktierte detaillierte Anweisungen, wie Snows Besuch zu gestalten sei: "Sicherheit, Geheimhaltung, Wärme und roter Teppich." Das Politbüro koordinierte sorgfältig die Antworten auf einen Fragenkatalog, den Snow vorab hatte einreichen müssen. Mao lieferte Snow ein Gemisch aus wertvollen Informationen und gewaltigen Fälschungen, das ihm Snow ohne Einschränkung abnahm. Er bezeichnete Mao und die Führung der KPC als "direkt, offen, unkompliziert und aufrichtig". Mao schwieg über die Jahre der Folter und des Mordens, zum Beispiel über die AB-Korps-Säuberungen, und erfand Schlachten und Heldentaten wie die Überquerung der Dadu-Brücke im Verlauf des Zuges quer durch China, der jetzt raffinierterweise als "Der Lange Marsch" bezeichnet wurde. Er machte Snow weis, er habe, bis auf die Zeiten, in denen er krank war, "den größten Teil der knapp 10000 Kilometer wie die einfachen Soldaten zu Fuß zurückgelegt". Über seine Verbindungen zu Moskau ließ Mao kein Wort verlauten und behauptete, er strebe freundschaftliche Beziehungen zu Amerika an...
Zu Maos Vorsichtsmaßnahmen gehörte auch, alles zu prüfen, was Snow schrieb; er nahm Einfügungen vor und schrieb manche Passagen um. Snow schrieb am 26. Juli 1937... an seine Frau Helen...: "Schick mir keine Notizen mehr über Leute, die ihre Geschichten widerrufen, die sie mir erzählt haben... So wie die Dinge liegen, mit so vielen Streichungen, liest es sich allmählich wie Childe Harold." Snow ließ im Roten Stern allerdings diese Vorgänge unerwähnt und behauptete stattdessen, Mao "legte mir niemals... irgendeine Zensur auf"...
Roter Stern über China erschien im Winter 1937/38 in englischer Sprache und spielte eine bedeutende Rolle bei einem Stimmungsumschwung zugunsten Maos in den westlichen Ländern...
Der Rote Stern - und die beiden Bücher mit den bearbeiteten Auszügen - übten einen großen Einfluß auf radikale Jugendliche in China aus. Viele von ihnen schlossen sich... nach der Snow-Lektüre den Kommunisten an. Es war der Anfang der Renaissance der KPC. Mao sollte später sagen, die Veröffentlichung des Buches habe "ebenso stark gewirkt wie der Große Yu, der die Fluten eindämmte".>>
Zum Zwecke der literarischen Kernspaltung und möglicherweise auch zur wissenschaftlichen Weiterverwendung sammle ich derzeit plausible wie unplausible und auch gruselige Versionen der Russischen Revolution bzw. der Ereignisse in Rußland um das Jahr 1917. Als Hinweis darauf, wie weit ich es (derzeit noch) fassen möchte, hier eine unvollständige Liste bereits vorhandener Versionen:
- George Orwell
- Geschichte Klasse 9 Lehrbuch POS (stellvertretend für die Spät-DDR, sehr ähnlich wie die von Linksruck, bloß länger)
- Trotzki
- Propyläen Weltgeschichte
- Wilhelm Reich "Massenpsychologie des Faschismus"
- Daniel Pipes "Verschwörung"
- Nestor Machno (wiedergegeben in Abel Paz' Durutti-Biographie)
- Ernst Nolte "Der europäische Bürgerkrieg : 1917 - 1945"
- Ayn Rand "We The Living"
- Arthur Rosenberg "Geschichte des Bolschewismus"
- Dimitry Gawronsky "Die Bilanz des russischen Bolschewismus", (1919)
- Slavoj Zizek "Revolution at the Gates"
- "Schwarzbuch des Kommunismus" (und dessen konkret-Kritikband "Roter Holocaust?")
auch z.B. Woody Allen ("...when the serfs found out that the Czar and Tsar were actually the same person"), Verschwörungsprosa wie "Das andere Gesicht des Karl Marx" von Richard Wurmbrand oder "Wer regiert die Welt?" von Des Griffin (natürlich feat. Jakob Schiff, Satan und sogar Ronald Reagan), Black Adder, Dr. Schiwago, die einschlägigen Oktoberklub-Lieder und dieser im KF viel belachte US-Propaganda-Film über "Kommunismus" aus den frühen Fünfzigern.
Wer weitere Versionen kennt, bitte melden, gerade an stalinistischen und auch außereuropäischen Darstellungen besteht Mangel wie Interesse. Alle Quellen, die auch die Ereignisse in der ersten Jahreshälfte 1917 ernstnehmen, sind von besonderem Interesse.
Und ich dachte, ich müßte in der Nazibibel "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" von Alfred Rosenberg im Stichwortverzeichnis nachsehen, um Hinweise auf seine Geschichtsbesessenheit zu bekommen! Dabei beginnt das Inhaltsverzeichnis so:
Und das erste Kapitel: "Es beginnt heute eine jener Epochen, in denen die Weltgeschichte neu geschrieben werden muß." Von den folgenden 800 Seiten sind geschätzt die Hälfte dem Versuch gewidmet, eine neue Geschichte zu schreiben, bzw. in der Auffassung Rosenbergs die erste, die überhaupt wissenschaftlich genannt werden kann, denn: "Die Denkmäler aller Völker liegen jetzt ausgebreitet vor uns." In dankenswerter Offenheit spricht er vom "geschichtsbildenden Blick" und den wendet er denn auch an:
"Mag vieles auch sehr fraglich sein, mag erst eine kommende Forschung feststellen, ob die ältesten Kultzeichen, die ersten Felssteinzeichnungen der Steinzeit auch die Grundlage der vordynastischen ägyptischen Linearschrift gewesen sind, ob auf diese 'atlantische' Symbolik auch andere Schriften der Erde als auf ihren Urgrund zurückgehen, das Ergebnis dieser Forschung vermag jedoch an der e i n e n großen Tatsache nichts zu ändern, daß der 'Sinn der Weltgeschichte' von Norden ausstrahlend über die ganze Erde gegangen ist, getragen von einer blauäugig-blonden Rasse, die in mehreren großen Wellen das geistige Gesicht der Welt bestimmte, auch dort noch bestimmte, wo sie untergehen muße. Diese Wanderperioden nennen wir: den in Sagen gehüllten Zug der Atlantier über Nordafrika; den Zug der Arier nach Persien-Indien, gefolgt von Dorern, Mazedoniern, Latinern; den Zug der germanischen Völkerwanderung; die Kolonisierung der Welt durch das germanisch bestimmte Abendland."
"Vorher, vorher! Du lebst in der Vergangenheit, Marge!" (Homer Simpson)
Ich habe beim Denken indoors einen kurzen Atem, outdoors einen vielleicht zu langen, weshalb konzentrierte Lektüre am besten an einem Tisch vor einem Café funktioniert. Blöd nur, wenn die Musik aus dem Café noch hörbar ist, und auf diese Weise als Soundtrack zu Adorno ausgerechnet "Bilder von Dir" von Laith Al-Deen läuft, garniert von dem akustischen Ergebnis, das ein anderer Gast damit erzielt, aus geschätzten 100 Möglichkeiten seinen bevorzugten Handy-Klingelton auszuwählen.
Daher konnte ich die "Idee der Naturgeschichte" zunächst nur zur Hälfte erschließen und so möglicherweise übereilt Adorno als Verbündeten meiner Geschichtskritik betrachten.
Er beginnt mit Begriffsbestimmungen bzw. mit Disclaimern: daß er mit Naturgeschichte "nicht etwa... Geschichte der Natur“ meint, daß er vielmehr beabsichtigte, „die übliche Antithesis von Natur und Geschichte aufzuheben“, die „Begriffe zu einem Punkt zu treiben, an dem sie in ihrem puren Auseinanderfallen aufgehoben sind“. Der verwendete Naturbegriff wiederum könne „am ehesten mit dem Begriff des Mythischen übersetzt werden", dessen, das „von je da ist“, „als schicksalhaft gefügtes, vorgegebenes Sein die menschliche Geschichte trägt“, „in ihr erscheint“, das, „was substantiell ist in ihr“.
(Laith Al-Deen: "Bilder von dir überdauern – bis in alle Zeit, bis in alle Zeit, bis in alle Zeit...")
Davon unterschieden werde Geschichte verstanden als „jene tradierte Verhaltensweise“, in der „qualitativ Neues erscheint“, die „eine Bewegung ist, die sich nicht abspielt in purer Identität, purer Reproduktion von solchem, was schon immer da war“. Geschichte gewinnt demnach „ihren wahren Charakter durch das in ihr als Neues Erscheinende“.
Die folgende Verknüpfung dieser Begriffe mit der philosophischen Diskussion im Zeichen der neu-ontologischen Schule Anfang der 30er Jahre beruht für Adorno auf folgender Übereinstimmung: „die Frage nach der Ontologie, wie sie heute gestellt wird, ist nichts anderes als das, was ich unter Natur gemeint habe.“
So steigt er in den I. Teil ein, der wie gesagt die Hälfte ist, die ich den Umständen zum Trotz wirklich aufnehmen konnte, und in dem Adorno hauptsächlich Umschwünge in der philosophischen Diskussion beschreibt.
„Nur dort, wo die ratio die Wirklichkeit, die ihr gegenüber liegt, als ein ihr Fremdes, ihr Verlorenes, Dinghaftes anerkennt, nur dort, wo sie nicht mehr unmittelbar zugänglich ist und wo der ratio und Wirklichkeit der Sinn nicht gemeinsam ist, nur dort kann die Frage nach dem Sinn überhaupt gestellt werden.“ (Laith Al-Deen: "Bilder von dir überdauern – bis in die Ewigkeit, in die Ewigkeit, in die Ewigkeit." Ich denke: "Nur dort, wo dem Kerl die Frau gegenüberliegt...")
Scheler versuchte, einen „Ideenhimmel zu konstruieren auf Grund einer rein rationalen Schau der geschichtslosen und ewigen Gehalte“. Es ergibt sich der erste Umschwung, der schematisch etwa so dargestellt werden könnte:
Plato: statische <-> qualitativ differente Ideen => Phänomenologie: „Seiendes wird sich selbst zum Sinn“, „Sein als Geschichtlichkeit“
Das heißt konkret für die Auffassung von Geschichte:
Vermittlung zwischen Geschichte und Geschichtsbild (Historismus) => scheinbare Auflösung über idealistische Identität zwischen beiden
So könne von einer Beseitigung der „puren Antithesis von Geschichte und Sein“ durch die Anschauung des Seins als Lebendigem gesprochen werden, damit zugleich der Beseitigung „der falschen Statik“ und des Formalismus. (Wohlgemerkt jedoch immer noch mit "der Geschichte" als Voraussetzung) Geschichte wurde "selber in ihrer äußeren Bewegtheit zur ontologischen Grundstruktur“, das geschichtliche Denken gleichzeitig reduziert „auf eine philosophisch es tragende Struktur von Geschichtlichkeit...“ Adorno faßt die Frankfurter Diskussion zur Geschichtsphilosophie damit zusammen, daß „alles radikal geschichtliche Denken“ einen „Entwurf des Seins“ braucht und schließt damit seine Bestandsaufnahme vom Stand der Diskussion zum Zeitpunkt dieses Vortrages.
Nun setzt seine eigene Kritik ein. Adorno greift die Tendenz zur Tautologie im neu-ontologischen Denken an, die er damit in Verbindung bringt, daß es sich „mit der Unerreichbarkeit des Empirischen“ abfindet. Momente, die nicht in Denkbestimmungen eingehen, werden ihrerseits ontologisiert, z.B. Heideggers Sein zum Tode oder seine Geschichtlichkeit. Geschichte werde zu ihrer eigenen Ontologie verklärt, „daher solch matte Antithesen wie Geschichte und Geschichtlichkeit“.
Weiter lokalisiert Adorno idealistische Bestimmungen „im neu-ontologischen Denken“.
Zum einen die der Ganzheit und der unter sie befaßten Einzelheiten (Verweis auf Fichtes "transzendentales Subjekt") : „Aber indem man die ganze Wirklichkeit glaubt, wenn auch in einer Struktur, eindeutig zusammenschließen zu können, steckt in der Möglichkeit eines solchen Zusammenschließens aller gegebenen Wirklichkeit unter einer Struktur der Anspruch, daß der, der alles Seiende unter dieser Struktur zusammenfaßt, das Recht und die Kraft hat, das Seiende an sich adäquat zu erkennen und in die Form aufzunehmen. Im Augenblick, wo dieser Anspruch nicht erhoben, in diesem Augenblick ist die Rede von einer Strukturganzheit nicht mehr möglich.“
Zum anderen die Priorität des Entwurfs gegenüber der Faktizität; die „Vorherrschaft des Reiches der Möglichkeiten“ gegenüber der Wirklichkeit, was Adorno in den "Rahmen der Kritik der reinen Vernunft" übersetzt mit dem Gegensatz von kategorialem subjektivem Gefüge und empirischer Mannigfaltigkeit. Tautologie erwüchse so aus der Identität: „Das unter der subjektiven Kategorie Geschichtlichkeit befaßte geschichtliche Sein soll mit Geschichte identisch sein. Es soll sich den Bestimmungen fügen, die von Geschichtlichkeit ihm aufgeprägt werden.“
Adorno folgert: „Jede Aussonderung naturhafter Statik aus der historischen Dynamik führt zu falschen Absolutierungen, jede Absonderung der historischen Dynamik von dem in ihr unaufhebbar gesetzten Naturalen führt zu schlechtem Spiritualismus“ und formuliert damit eine deutliche Absage an die bevorzugten einfachen und trügerischen Wege aus dem Problem. Vielmehr sei noch die „äußerste geschichtliche Bestimmtheit“ als Natur, noch tiefstes Verharren der Natur „als geschichtliches Sein“ zu begreifen. Was sich Adorno dann unter der angestrebten „Rückverwandlung der konkreten Geschichte in dialektische Natur“ vorstellt, ist mir noch nicht ganz klar. Dazu sei noch einmal Laith Al-Deen zitiert: "Worte sind wie Pulver, wenn du den Himmel kennst, ich fühl’s in meinem Kopf, fühl’s überall hab’s lang vermisst, ich kann nicht sagen, will nicht vergessen, Oh nein, nein, nein, wie ich es fühl, wie ich es fühl."
Bei Telepolis wiederum fällt einem Autor ausgerechnet beim Betrachten von Civilization IV auf, wie problematisch die allgemein kaum getroffene Unterscheidung zwischen Geschichte und Geschichtsideologie ist:
"Gerade die Vermischung von Faktenhäppchen mit der populären und vereinfachenden Ideologie von Geschichte zeigt sich ja ohnedies seit jeher und auch heute noch im Großteil der sonstigen medialen und schulischen Behandlung des Themas. So fügt sich Civilization IV mit seinem 'Modell' von Geschichte recht nahtlos in jenes undifferenzierte Geschichtsbild ein, das Geschichte auf die mehr oder weniger geradlinige Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen, auf die 'Entscheidungsgeschichte' einiger weniger Herrscher oder Nationen reduziert - die Spielmechanik verlangt´s."
Gameplay ist jedoch ein erheblich besserer Grund für Reduktion als es die sonst üblichen Gründe sind.
Es soll um die Entautomatisierung des bloßen Wortes Verschwörungstheorie gehen. In vielen Diskussionen dient es dazu, bestimmte Positionen zu adeln oder eben der Betrachtung zu entziehen.
Wenn beipsielsweise zuletzt in einem Gespräch dreier als mehr oder weniger antideutsch Geltender in der Jungle World Jürgen Elsässer davon sprach, daß der Mossad von den Anschlägen an 9/11 wußte, dann hat er damit einen realen Sachverhalt wiedergegeben. Der Mossad wußte, wie die meisten besser informierten Geheimdienste der westlichen Welt, daß die Gefahr islamistischer Anschläge auf dem Gebiet der USA bestanden (immerhin hatte es schon einen aufs WTC gegeben) und auch, daß al-Qaida mit ganz konkreten Plänen diese Anschläge vorbereitete.
Die Tatsache, daß der Mossad das wußte, was auch der CIA oder etwa der Verfassungsschutz wußte, ist selbst nicht antisemitisch oder verschwörungstheoretisch. Erst die Frage danach, was unter Hinzuziehung des Satzes "Die Juden sind unser Unglück" aus dieser Tatsache wird, führt in den Sumpf. Der immerwährende Schuldvorwurf verleiht der simplen und banalen Tatsache das Moment des Mitwissertums, der Verstrickung. So bleibt festzuhalten, daß der Mossad auch ohne dieses Wissen der Mitwirkung an den Anschlägen bezichtigt worden wäre, weil er der Geheimdienst des Staates der Juden ist.
In diesem Fall ist die Lage also recht übersichtlich: Wir können Elsässer das Faktum lassen, da es in jeder Zeitung stand und eigentlich recht unspektakulär bleibt.
Schwieriger wird es, wenn Fakten schlechter verifizierbar oder eben falsifizierbar sind; wenn Konspirationisten oder ihnen Denkverwandte aus Quellen schöpfen, die alle anderen eben nicht zu Rate ziehen, weil dort zu 99% Wahn und Desinformation zu finden ist; wenn diese Quellen dann jedoch Überraschendes präsentieren, das möglicherweise wirklich Korrekturen an offiziellen Versionen nahelegt. In diesen Momenten wird deutlich, woher die Verschwörungstheorien einen Teil ihrer Anziehungskraft auch auf kritische Intellektuelle beziehen: aus der Tradition der im Grunde sympathisch anti-positivistischen Quellendemokratie.
Die Frage muß also lauten: Wie wird aus der diskordischen Informationsanarchie in Fefes Weblog der praktisch unverhüllte Antiamerikanismus (und Antizionismus) des Fnord-Jahresrückblicks? Was sind die Elemente der Verschwörungstheorie, die sie produktiv machen, was macht sie andererseits zu so nützlichen und flexiblen Tools der Feinderklärung, welche sich in den letzten Jahrhunderten, besonders im letzten Jahrhundert gerade in ihrer beliebigen Form meist mit tödlichen Folgen an die Juden richtete oder an als besonders "verjudet" geltende Staaten - die frühe Sowjetunion, die USA, aber auch China, Japan, Frankreich oder Großbritannien?
Die Sichtung der Protagonisten der modernen Historiographie, wie sie am Ende des 19. Jahrhundert besonders in Deutschland geprägt wurde, zeigt verblüffenderweise, daß sie durchaus über den Erfindungscharakter ihrer Quellen im Bilde waren, in der Zusammenschau fast kein Detail unkritisiert ließen und dennoch nicht einmal in Betracht zogen, das Grundgerüst – die Chronologie und die „historische Wahrheit“ – anzutasten.
Klar ist ihnen, daß bei der Abfassung der Geschichte immer wieder dieselben Vorlagen benutzt wurden:
„Die ausführliche Sage von Romulus wäre ohne die Erzählung Herodots über Herkunft und Jugend des Cyrus schwerlich zustande gekommen“ (Ranke: Weltgeschichte, Leipzig 1881-86, Bd. 11/1, S. 76)
„Der Mangel an Originalität und eigener produktiver Erfindungsgabe macht sich auch in der Geschichte von Marcus Furius Camillus deutlich bemerkbar. Der römische Bericht von der Eroberung der Etruskerstadt Veji ist offensichtlich der Ilias nachgebildet.“ (Hertslet/Hofmann, Berlin 2000, S. 115)
Ebenfalls können sie riesige Lücken dingfest machen:
„…die älteste Quelle, welche in der Tat sieben Berge Roms aufzählt, ist die Stadtbeschreibung aus der Zeit Konstantins des Großen. (…) Die uns geläufigen sieben Berge Palatin, Aventin, Caelius, Esquilin, Viminal, Quirinal, Capitol kennt kein alter Schriftsteller.“ (Mommsen, Römische Geschichte, Bd. I, Berlin 1933, S. 107f.)
Die antiken Quellen, die sie zitieren, müssten ihnen weiteren Grund zu fundamentalen Zweifeln liefern:
„Verfälscht wurde die Geschichte meiner Meinung nach durch die Lobreden auf Verstorbene und durch die unrichtigen Unterschriften der Ahnenbilder, insofern sich jede Familie den Ruhm hoher Taten und Ämter durch Unwahrheiten zueignete, denen niemand nachspüren kann.“ (Livius: Ab urbe condita, VIII, 40)
„Manchen ist das Dramatische und nach Erdichtung Klingende daran [an der römischen Frühgeschichte] verdächtig. Man sollte aber nicht so mißtrauisch sein, wo man doch sieht, was für Gedichte das Schicksal Wirklichkeit werden läßt, und die Geschichte Roms überdenkt, daß es doch nicht zu der gegenwärtigen Machtfülle emporgestiegen wäre, wenn es nicht einen göttlichen, mit großen und wunderbaren Vorgängen verbundenen Ursprung gehabt hätte.“ (Plutarch: Romulus, VIII)
Doch sie behelfen sich entweder mit quasi-religiösen Sinnsprüchen wie: „Die Phantasie ist wie aller Poesie so auch der Historie Anfang.“ (Mommsen) Oder sie gehen zur recht unverblümten Rechtfertigung über, deren positivistische Essenz zumeist lautet: Auch wenn der jeweilige Fakt nicht stimmen mag und sogar widerlegt wurde, so ist er doch unser einziger Beleg für das Geschichtsbild, das wir gern sehen wollen. Darin unübertroffen Ranke: Zum von ihm selbst erbrachten Nachweis, daß der so arme Würdenträger Publius Severus doch gar nicht so arm gewesen sein kann, schreibt er:
„...das Wesentliche, der Kern der Tradition, ist doch durch und durch römisch und unentbehrlich zum Verständnis der römischen Geschichte, die wieder in der Weltgeschichte unter allen Nationalgeschichten die bedeutendste Stelle einnimmt.“ (Weltgeschichte, II/2, S. 77f.)
Zur Geschichte von Lucius Quinctus Cincinnatus, der in sein Amt direkt vom Pflug berufen worden sein soll, führt Ranke schließlich aus:
„Historisch bewährt ist sie wohl überhaupt nicht, aber aus der römischen Geschichte könnte man sie doch nicht etwa verweisen. Sie ist charakteristisch für den Unterschie der Lebenszustände, welche aus der Beschäftigung mit dem einfachen Landbau, dem sich auch noch die Patrizier widmeten, und dem Übergang aus demselben zu der höchsten politischen Würde entspringt.“ (Weltgeschichte, II/1, S. 61)
Im "Spiegel" breitet sich ein Matthias Schulz auf einem reichlichen Dutzend Seiten über den "Mythos Mittelalter" aus, wobei er sich zunächst der verzückten heutigen Rezeption widmet:
"Sehnt sich der Jetztmensch nach einfachen Weltbildern, nach Urlaub vom Humanen? Flieht er die verkuschelte und überverwaltete Gegenwart?
Auch die Museen hängen sich an den Trend. Die größte Schau wird derzeit in Berlin vorbereitet. Für die geplante 'nationale Geschichtsausstellung' im Zeughaus sammeln die Macher bereits Hellebarden, Morgensterne und 'Mordäxte'. In den kommenden Wochen trifft ein gotisches Stadttor mit dem Tieflader in der Hauptstadt ein."
Wenn dann im magazintypischen Stil die ohnehin superdramatisch komponierten Geschichten der Geschichte weiter komprimiert werden, bleiben immer deutlicher die Männerphantasien übrig:
"Dabei erschließt sich die blutvolle Bühne der Vorfahren am besten über ihre Hauptfiguren. Glanzvolle Tatmenschen traten dort auf, Prahlhänse und traurige Tyrannen.
Beispiel: Friedrich Barbarossa (1122 bis 1190). Mindestens acht Söhne zeugte der Kaiser, der Mailand in Asche legte und im reifen Alter eine schöne Lolita heiratete."
Das ist natürlich alles bewiesen und wird entsprechend angepriesen:
"Begleitet von Ferkeln und Sauhirten, dazu Huren im Tross, den 'Hübschlerinnen' (die Meyer durch das Auffinden vom Armreifen aus Glas indirekt nachweisen konnte) - so sieht das Bild der edlen Streiter aus, die sich anschickten, das Grab des Erlösers zu befreien."
Dabei ist der Zweifel im Grunde längst präsent, wenn zum Beispiel gefragt wird:
"Wie war es möglich, dass der Naturforscher und Arzt Paracelsus (1493 bis 1541) die betäubende Wirkung des Äthers zwar erkannte, sie aber nie am Menschen anwendete?"
"Die Polen bemängeln, dass noch immer eine offizielle Entschuldigung Moskaus für das Massaker von Katyn fehlt - dort hatte 1940 der sowjetische Geheimdienst über 21000 polnische Offiziere und Intellektuelle erschossen, darunter Verwandte Kaczynskis.
Auch dass Moskau dieses Jahr erstmals den 4. November als Nationalfeiertag begeht, irritiert. Er gilt als der Jahrestag des Sieges über polnische Interventen im Jahre 1612 - neuerdings ein 'Schlüsselereignis' der russischen Geschichte."