Doch Lernprozeß!
(Aus gegebenem Anlaß wiederhole ich mich bzw. einen Kommentar aus dem letzten Sommer)
Ich bin selbst ein Beispiel dafür, daß - wenn auch nicht unbedingt gutes - Zureden etwas ändert. Noch vor drei Jahren war ich der Ansicht, die Regierung der USA hätte den WTC-Anschlag benutzt, um einen möglichst langen globalen Krieg auszulösen; ich hatte nicht wirklich einen Plan davon, wie bedroht Israel ist; mir war der Zusammenhang zwischen Wertverwertung und Antisemitismus nur mäßig wenn überhaupt bekannt; ich hatte keinen Begriff, um den Volksgemeinschaftscharakter der DDR zu bezeichnen usw. usf.
Wäre ich einfach zum Feind erklärt und bekämpft worden, hätte ich möglicherweise vieles nie begriffen, weshalb ich auch heute auf diese Frontmacherei oft sehr allergisch reagiere. Ich mußte z.B. erstmal rausfinden, wie viel an Grundlagenkritik sich aus der Kritischen Theorie ableitete und fing _dann_ an, Adorno zu lesen. Das wußte ich vorher einfach nicht.
Ich fange nicht an, mit den Freien Kräften zu diskutieren, die kriegen auf die Fresse, klar. Und je nationalbolschewistischer Teile der Linken daherkommen, desto weniger Möglichkeiten zur Intervention sehe ich bei ihnen. Es gibt keinen Grund, alles zu tun, um den "Dialog" aufrechtzuerhalten. Aber es gibt viele, die gar nicht festgelegt sind und es auch nicht unbedingt werden müssen.
Warum war es mir möglich, mich von falschen Vorstellungen zu trennen und auch die Konsequenzen in bezug auf bestimmte Freundschaften oder Szenekreise zu ziehen? Deswegen glaube ich nicht, "die deutsche Linke"TM grundsätzlich ändern zu können, würde aber dennoch nicht alle ihrer Teilnehmenden abschreiben.
Und das liegt nicht daran, daß ich aus ihren Kreisen nicht auch oft genug ausgeschlossen wurde oder auf einen militanten Gruppenmief gestoßen wäre. Das war aber nicht die ganze Erfahrung.
Was mich lagerübergreifend ärgert, ist, daß das, was gerade geglaubt und für richtig befunden wird, dann schon immer gut gefunden worden sein soll; als würden alle mit ihren Anschauungen auf die Welt kommen!
Es mögen ja immer verdammt wenige sein, die bestimmte Zusammenhänge verstanden haben, aber auch die sind irgendwie an diesen Punkt gekommen, oft durch absurde Zufälle wie die Entdeckung eines Buches oder einer Netzseite, viel häufiger aus bloßer persönlicher Loyalität (was nur sehr selten eingestanden wird). Sich dann nach all der erfolgten Minderheitenlektüre und den erlebten speziellen Diskussionszusammenhängen hinzustellen und andere dafür zu beschimpfen, daß sie all das nicht mitbekommen haben, ergibt für mich keinen Sinn.
Ob das schlußendliche Gesprächsangebot dann in einer "kritischen Intervention", einem Bruhnschen "Schock" oder wie bei Wau Holland in einem Hack besteht - ohne die Annahme einer bestimmten Wirkung könnte man das alles bleiben lassen.
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