Verblüffend, wie "Bombenkriegs"-Experte Jörg Friedrich mit den deutlichen Worten über die deutschen Verbrechen, die ihm die Erlaubnis für seine restlichen Ausführungen zu verleihen scheine, das Publikum aus rechten CDUlern und rechten Bürgerrechtlern in der Gedenkbibliothek am Nikolaikirchplatz zu schockieren vermochte.
In diesen Momenten wurde deutlich, wie weit sich der gegenwärtige Geschichtsrevisionismus von seinen Vorformen unterscheidet und wie sehr er auch auf eine andere Zielgruppe hin formuliert ist als auf diese alte Garde, die ihn damit ansagt, daß er als Jahrgang '44 "physisch wenigstens dabei war" und aus ihm die Aussage bezieht, daß klargemacht werden muß, "welche Opfer in solchen Kriegen anfallen, egal auf welcher Seite."
Denn Friedrich vermeidet klare Aussagen. Er stellt Fragen, deren implizit schon mitschwingende Antworten dann bei der bloßen Relativierung nicht stehenbleiben. Innerhalb desselben Satzes ist er in der Lage, den Schrecken der Einsatzgruppen hinter der Ostfront auszumalen und dennoch auf der Einzigartigkeit des "Untergangstraumas" der Deutschen (so die Überschrift des Abends) zu bestehen.
Er präsentiert sich selbst als 68er, der älter geworden ist und gelernt hat. Er hätte selbst noch in seinen Vierzigern gesagt, daß ihn die zerbombten Städte mit Genugtuung erfüllt hätten, da sie demonstrieren würden, daß die "Zivilisation es nicht duldet, wenn Menschen wie Läuse behandelt werden" und daß eben diese "Zivilisation eine Antwort darauf" hätte. Die Genugtuung, das Behagen sei ihm jedoch durch seine detaillierten Studien abhanden gekommen.
Der immer noch vorhandene Rechtfertigungsdruck zeigte sich jedoch darin, daß er je zwanzig Minuten damit verbrachte, die beiden Slogans zurückzuweisen, die er vergangenes und vorvergangenes Jahr in Dresden von der "Minderheit von Dresdner Bürgern" aufgeschnappt hatte, die "über die Massentötung frohlocken" würden. Erstaunlicher Kommunikationsweg: ihm von einer Kundgebung etwas zurufen und dann auf seiner Veranstaltung seine Antwort hören, obwohl er nicht mal angenommen haben dürfte, daß einer der "Gegner" anwesend war.
Zu "Do it again, Harris" referierte Friedrich die Optionen, die der Staatsanwalt nach Christel Gigi Romeisers Anzeige sah, dagegen vorzugehen, die er jedoch alle verwarf, da die Bedingungen weder das Andenken konkreter Verstorbener verunglimpft worden sei noch die Handhabe gegen die Bagatellisierung oder Leugnung von Völkermord anwendbar gewesen sei, wie sie ja, so Friedrich, gegen den "unseligen David Irving" gerade Anwendung finde. Elegant sprang er sofort zum Terminus "Bombenholocaust", der "unterstellen würde, Deutschen und Juden wäre das gleiche zugestoßen."
Hier funktionierte die Interaktion mit dem Publikum, denn sofort nickten zehn ältere Menschen, die damit einer gar nicht explizit vertretenen These zustimmten.
Doch Friedrich war noch nicht fertig mit der "Minderheit Dresdner Bürger" und dem "Bombenholocaust". "Nuklearer Holocaust" sei doch ein stehender Begriff der Friedensbewegung gewesen und nichts anderes getan, als "ein Äußerstes an Schrecken zu bezeichnen". Er fügte wiederum ohne eine greifbare Aussage hinzu: "Die Verschrotteten von Dresden mit den Verschrotteten von Auschwitz zu vergleichen, stieß in Deutschland auf eine tief sitzende Empfindlichkeit."
Er sprach zwischen den Zeilen, auch als er sich dem zweiten Slogan der "Minderheit Dresdner Bürger" zuwandte, im Original "Deutsche Täter_innen sind keine Opfer", bei ihm: "Das Argument der Gegner lautete, hier würden Täter und Opfer verwechselt" - als würde es sich um eine optische Täuschung handeln.
So sah sie aus, die "Minderheit von Dresdner Bürgern"
Zwei kleine Halberstädter Mädchen, von denen eines beim Bombenangriff 1945 ums Leben kam und das andere, gerade ein paar Zentimeter entfernt, am Leben blieb, dienten ihm einerseits als Gelegenheit, seinen Akademiker-Simulations-Sound ("Insofern denke ich...", alles ist "eigentümlich", Guido-Knopp-Diktion) um die Facette der protestantischen Predigt (Timbre zur Erzeugung von Einvernehmen) zu erweitern, außerdem als Vorlage für weitere Fragen: "Erlitt Ingrid die verdiente Strafe? Hat sich Hannelore als unschuldig erwiesen? Waren die 30 Millionen Städter schuldig, die 50 Millionen Landbewohner unschuldig?"
Es würde einen nur so anschreien, daß "elementare Rechtsbegriffe" - er war immer noch bei Tätern und Opfern - "auf die Vorgänge im Bombenkrieg nicht anwendbar seien". Es wäre unsinnig, die alliierte Luftwaffe als "fliegendes Strafgericht" anzusehen, daß "eine halbe Million Todesurteile" fällte. Immerhin betonte er nun - begleitet vom Stirnkräuseln seiner Zuhörenden - den Unerschied zwischen den Juden, denen keine Wahl gestellt wurde, und den Deutschen, denen per Flugblatt mitgeteilt wurde, was sie zu tun hätten, damit "es aufhört". Natürlich entwertete er diese Unterscheidung sofort dadurch, daß er erklärte, Kindern sei es nicht möglich gewesen, Hitler zu stürzen oder zu fliehen.
Nun war er mit den konkreten "Gegnern" fertig, doch nur, um gleich viel weiter auszugreifen: "Massenausrottungen in Deutschland fanden immer unter dem Beifall der Theologen, Moralisten und Intellektuellen statt." Gegen die "Verrechnungskultur" würden keine Argumente helfen. In Deutschland gäbe es die "entwickeltste Mitleidskultur der Welt", eine "Welt von Opfern" finde hier "stets Mitleidende". Es dürfe keine Vergeltung irgendwo stattfinden, nur die gegen Deutschland durfte. Das seien ja nur "die Wunden des eigenen Volkes".
Der große Bogen der Superrelativierung wurde erst jetzt aufgespannt.
Friedrich rechnete vor, daß nur etwa 1,5% der Stadtbevölkerung getötet worden seien (das "nur" hatte die wohl beabsichtigte Wirkung auf die Zuhörenden), insgesamt vielleicht 10% persönlich betroffen gewesen wären, daß aber alle "Lebendiggebliebenen traumatisiert" worden seien: "Der Bombenkrieg ist ein Theater, eine Veranstaltung des Grauens mit einer klaren Moral: Du sollst Hitler stürzen!"
Während er nun immer deutlichere Bezeichnungen für die alliierten Luftsoldaten fand ("Terroristen", "Folterer", "Folterknechte"), hob er hervor, daß sie Deutschen sich aber nicht haben "unterwerfen" lassen, wie zuvor auch die Londoner nicht. Die Deutschen hätten "lieber ihr kulturelles Erbe und ihre Städte geopfert", "die Bombe spekulierte mit dem falschen Risiko".
Das "Echo" auf die deutschen Verbrechen hätte also nur eine Minderheit getroffen, so daß "die am Leben Gebliebenen den Toten etwas schuldig" seien; der Zweite Weltkrieg sei außerdem von Hitler _und_ Stalin entfesselt worden ("Damit jage ich meinen Zuhörern immer Schauer des Entsetzens über den Rücken" - den Eindruck hatte ich bei dieser Gelegenheit nicht); die "Massentötung aus der Luft" sei nicht "an Deutschland gebunden" gewesen, sondern sollte den Plänen nach schon bald etwa die Sowjetunion nuklear treffen; die "antiimperialistische Solidarität der 68er" sei als Folge der Ausblendung des "Untergangstraumas" zu verstehen; Verdrängung sei im Gegensatz zur Aufarbeitung "normal", die Amerikaner würden "auch nicht über Sklaverei und Indianerausrottung" reden.
Die Teilnehmer an den camouflierten Naziverbrechen in den Lagern und an der entfernten Front, rechnete er weiter vor, waren mit ein bis zwei Millionen ebenfalls eine Minderheit (das muß man erstmal über die Lippen bringen!), während jedoch - und jetzt war er bei der Pointe angelangt - die gegen die Deutschen gerichteten "Massenvergewaltigungen, Massentötungen und Vertreibungen" eben "nicht versteckt, sondern offen" stattfanden, "in der Mitte deutscher Städte".
Alles weitere war Nachspiel. Er fragte etwa: "Was ist das eigentlich Unerträgliche, wenn wir die beiden Qualen der Zeit in Beziehung zu setzen versuchen?" Man müßte nur die jeweilige Besatzerpropaganda gegenlesen (Amerikaner über die russischen Massenvergewaltigungen, Russen über anglo-amerikanischen Bombenterror). Aus Scham jedoch dürften wir unser Leid nicht für schlimmer erklären als das der anderen. Reue würde gegenüber der Klage als ethischer gelten.
Er selbst hätte ja nur, nachdem er sich "sein ganzes Leben" mit den "toten Judenkindern abgegeben" hätte, "ohne Urteil und Anklage in einem einzigen Buch einmal die andere Seite darstellen" wollen.
Überhaupt, so sein Abschlußstatement, seien die Deutschen mit dem "Verlust der nationalen Identität" genug gestraft.