Ich vereinnahme Adorno gegen die Weltgeschichte
"Vorher, vorher! Du lebst in der Vergangenheit, Marge!" (Homer Simpson)
Ich habe beim Denken indoors einen kurzen Atem, outdoors einen vielleicht zu langen, weshalb konzentrierte Lektüre am besten an einem Tisch vor einem Café funktioniert. Blöd nur, wenn die Musik aus dem Café noch hörbar ist, und auf diese Weise als Soundtrack zu Adorno ausgerechnet "Bilder von Dir" von Laith Al-Deen läuft, garniert von dem akustischen Ergebnis, das ein anderer Gast damit erzielt, aus geschätzten 100 Möglichkeiten seinen bevorzugten Handy-Klingelton auszuwählen.
Daher konnte ich die "Idee der Naturgeschichte" zunächst nur zur Hälfte erschließen und so möglicherweise übereilt Adorno als Verbündeten meiner Geschichtskritik betrachten.
Er beginnt mit Begriffsbestimmungen bzw. mit Disclaimern: daß er mit Naturgeschichte "nicht etwa... Geschichte der Natur“ meint, daß er vielmehr beabsichtigte, „die übliche Antithesis von Natur und Geschichte aufzuheben“, die „Begriffe zu einem Punkt zu treiben, an dem sie in ihrem puren Auseinanderfallen aufgehoben sind“. Der verwendete Naturbegriff wiederum könne „am ehesten mit dem Begriff des Mythischen übersetzt werden", dessen, das „von je da ist“, „als schicksalhaft gefügtes, vorgegebenes Sein die menschliche Geschichte trägt“, „in ihr erscheint“, das, „was substantiell ist in ihr“.
(Laith Al-Deen: "Bilder von dir überdauern – bis in alle Zeit, bis in alle Zeit, bis in alle Zeit...")
Davon unterschieden werde Geschichte verstanden als „jene tradierte Verhaltensweise“, in der „qualitativ Neues erscheint“, die „eine Bewegung ist, die sich nicht abspielt in purer Identität, purer Reproduktion von solchem, was schon immer da war“. Geschichte gewinnt demnach „ihren wahren Charakter durch das in ihr als Neues Erscheinende“.
Die folgende Verknüpfung dieser Begriffe mit der philosophischen Diskussion im Zeichen der neu-ontologischen Schule Anfang der 30er Jahre beruht für Adorno auf folgender Übereinstimmung: „die Frage nach der Ontologie, wie sie heute gestellt wird, ist nichts anderes als das, was ich unter Natur gemeint habe.“
So steigt er in den I. Teil ein, der wie gesagt die Hälfte ist, die ich den Umständen zum Trotz wirklich aufnehmen konnte, und in dem Adorno hauptsächlich Umschwünge in der philosophischen Diskussion beschreibt.
„Nur dort, wo die ratio die Wirklichkeit, die ihr gegenüber liegt, als ein ihr Fremdes, ihr Verlorenes, Dinghaftes anerkennt, nur dort, wo sie nicht mehr unmittelbar zugänglich ist und wo der ratio und Wirklichkeit der Sinn nicht gemeinsam ist, nur dort kann die Frage nach dem Sinn überhaupt gestellt werden.“ (Laith Al-Deen: "Bilder von dir überdauern – bis in die Ewigkeit, in die Ewigkeit, in die Ewigkeit." Ich denke: "Nur dort, wo dem Kerl die Frau gegenüberliegt...")
Scheler versuchte, einen „Ideenhimmel zu konstruieren auf Grund einer rein rationalen Schau der geschichtslosen und ewigen Gehalte“. Es ergibt sich der erste Umschwung, der schematisch etwa so dargestellt werden könnte:
Plato: statische <-> qualitativ differente Ideen => Phänomenologie: „Seiendes wird sich selbst zum Sinn“, „Sein als Geschichtlichkeit“
Das heißt konkret für die Auffassung von Geschichte:
Vermittlung zwischen Geschichte und Geschichtsbild (Historismus) => scheinbare Auflösung über idealistische Identität zwischen beiden
So könne von einer Beseitigung der „puren Antithesis von Geschichte und Sein“ durch die Anschauung des Seins als Lebendigem gesprochen werden, damit zugleich der Beseitigung „der falschen Statik“ und des Formalismus. (Wohlgemerkt jedoch immer noch mit "der Geschichte" als Voraussetzung) Geschichte wurde "selber in ihrer äußeren Bewegtheit zur ontologischen Grundstruktur“, das geschichtliche Denken gleichzeitig reduziert „auf eine philosophisch es tragende Struktur von Geschichtlichkeit...“ Adorno faßt die Frankfurter Diskussion zur Geschichtsphilosophie damit zusammen, daß „alles radikal geschichtliche Denken“ einen „Entwurf des Seins“ braucht und schließt damit seine Bestandsaufnahme vom Stand der Diskussion zum Zeitpunkt dieses Vortrages.
Nun setzt seine eigene Kritik ein. Adorno greift die Tendenz zur Tautologie im neu-ontologischen Denken an, die er damit in Verbindung bringt, daß es sich „mit der Unerreichbarkeit des Empirischen“ abfindet. Momente, die nicht in Denkbestimmungen eingehen, werden ihrerseits ontologisiert, z.B. Heideggers Sein zum Tode oder seine Geschichtlichkeit. Geschichte werde zu ihrer eigenen Ontologie verklärt, „daher solch matte Antithesen wie Geschichte und Geschichtlichkeit“.
Weiter lokalisiert Adorno idealistische Bestimmungen „im neu-ontologischen Denken“.
Zum einen die der Ganzheit und der unter sie befaßten Einzelheiten (Verweis auf Fichtes "transzendentales Subjekt") : „Aber indem man die ganze Wirklichkeit glaubt, wenn auch in einer Struktur, eindeutig zusammenschließen zu können, steckt in der Möglichkeit eines solchen Zusammenschließens aller gegebenen Wirklichkeit unter einer Struktur der Anspruch, daß der, der alles Seiende unter dieser Struktur zusammenfaßt, das Recht und die Kraft hat, das Seiende an sich adäquat zu erkennen und in die Form aufzunehmen. Im Augenblick, wo dieser Anspruch nicht erhoben, in diesem Augenblick ist die Rede von einer Strukturganzheit nicht mehr möglich.“
Zum anderen die Priorität des Entwurfs gegenüber der Faktizität; die „Vorherrschaft des Reiches der Möglichkeiten“ gegenüber der Wirklichkeit, was Adorno in den "Rahmen der Kritik der reinen Vernunft" übersetzt mit dem Gegensatz von kategorialem subjektivem Gefüge und empirischer Mannigfaltigkeit. Tautologie erwüchse so aus der Identität: „Das unter der subjektiven Kategorie Geschichtlichkeit befaßte geschichtliche Sein soll mit Geschichte identisch sein. Es soll sich den Bestimmungen fügen, die von Geschichtlichkeit ihm aufgeprägt werden.“
Adorno folgert: „Jede Aussonderung naturhafter Statik aus der historischen Dynamik führt zu falschen Absolutierungen, jede Absonderung der historischen Dynamik von dem in ihr unaufhebbar gesetzten Naturalen führt zu schlechtem Spiritualismus“ und formuliert damit eine deutliche Absage an die bevorzugten einfachen und trügerischen Wege aus dem Problem. Vielmehr sei noch die „äußerste geschichtliche Bestimmtheit“ als Natur, noch tiefstes Verharren der Natur „als geschichtliches Sein“ zu begreifen. Was sich Adorno dann unter der angestrebten „Rückverwandlung der konkreten Geschichte in dialektische Natur“ vorstellt, ist mir noch nicht ganz klar. Dazu sei noch einmal Laith Al-Deen zitiert: "Worte sind wie Pulver, wenn du den Himmel kennst, ich fühl’s in meinem Kopf, fühl’s überall hab’s lang vermisst, ich kann nicht sagen, will nicht vergessen, Oh nein, nein, nein, wie ich es fühl, wie ich es fühl."
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