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Reise in die Vergangenheit 1

Am Samstag führte mich die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot im Supamolly gleich auf zwei Weisen zurück in der Zeit.

Zum einen hatte ich sie noch nie live gesehen, obwohl ich schon vor etwa 12 Jahren ihre Platte "Werke" beim Lübecker D.D.R.-Mailorder (heute Plattenmeister) erstanden hatte. Darauf gefiel mir, wie sie mit der sowjetischen Nationalhymne das anstellten, was Hendrix mit der amerikanischen gemacht hatte. Weitere Highlights waren ein für Blasmusik verblüffend tanzbares "Kasakka" mit Flake (damals noch nicht Rammstein, sondern gerade Ex-Feeling B) am Keyboard und eine schräge Vertonung von Brechts "Lob des Lernens".

Der andere Weg in die Vergangenheit bestand jedoch in der nun im Supamolly vorgetragenen Abschaffung jeder Selbstdistanz zum vorgetragenen Material. Gleich zu Beginn wurde der DDR-Nationalhymne eben nichts angetan, sie wurde eher aktualisiert und aufgepunkt. Entrückt und voller Pathos wurden nur die letzten Zeilen des Brechtschen Alternativtextes gesungen bzw. geschmettert ("Und nicht über und nicht unter/andern Völkern woll'n wir sein/von der See bis zu den Alpen/von der Oder bis zum Rhein").

Und weiter ging's durch die versammelten Fehler des Arbeiterbewegungsmarxismus: "Der heimliche Aufmarsch", allerlei Brecht, später immer mehr Ton Steine Scherben (vom Publikum auch lautstark eingefordert).

"bis heute besteht ihre subversion darin, dass man sie nie so richtig festmachen kann, nicht genau weiß, wo der spaß aufhört und der ernst anfängt"

hatte die tip vor ein paar Jahren geschrieben und bezogen auf die erste Platte vielleicht sogar recht. Mittlerweile jedoch dürfte eine Reideologisierung stattgefunden haben, die das Programm kompatibel zu Linkspartei- wie Junge Welt-Veranstaltungen macht. Dabei ist aus der Verunsicherung lupenreine Anbiederung geworden, aus der Ironie ein unglaublich spießiger Stammtischhumor, der oft rassistisch und meist überhaupt nicht komisch ist. "Augenzwinkernd" nennen sowas die, für die es gemacht wird.

Das musikalische Verbrechen war dennoch, "Smells Like Teen Spirit" abzüglich aller Brüche zu spielen. Nicht, weil der Song noch mehr ist als ein Popsymbol, das im Grunde beliebig verbastelt werden mag. Sondern weil offensichtlich wurde, daß die Aneignung von strammen Kampflieder und politischer Holzhammerlyrik ihren Reiz haben kann, die selbstdistanzfreie Rückübersetzung von unstrammen und unscharfen Rocksongs ins den Stahlwerk-4/4 aber einfach nur deutsch, bieder und schrecklich ist.
11.1.06 18:58
 



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