Es ist der Jungle World mit ihrer dieswöchigen
Ausgabe erneut gelungen, den Punkt in einer wichtigen Angelegenheit völlig zu verfehlen. Ich will keine Identitätspolitik, keine Rolle spielen, kein "Sag deinen Satz". Ich will nicht lesen, wer alles "ein Antideutscher ist"
oder nicht, weil es darum nicht geht. Ich will nicht lesen, wie Justus Wertmüller und Jürgen Elsässer aneinander
vorbeireden, weil längst klar ist, daß das gar nicht zu einem "Gespräch" werden kann. Es gibt Widersprüche, die sich nicht mit einer "spannenden Frage" im Feuilletonsound auflösen lassen!
Genauso will ich nicht lesen, daß "die Berichterstattung" über die
banlieue emeutes nur auf die Männer fokussiert sei, wenn die eigene Zeitschrift noch in der Woche zuvor genau den gleichen Fehler machte und beständig von "Jugendlichen" sprach, die "Frauen" angriffen; wenn in dieser Ausgabe in der Berichterstattung über das - achtuje - Phänomen "Reggaeton" der sehr vordergründige Sexismus nicht nur durch beständige Vermischung der Begriffe "erotisch" und "sexistisch" heruntergespielt wird, sondern sogar zum Ausweis des rebellischen Charakters der singenden Männer
dient.
Und hat Thomas Blum eine dämliche und verunglückte Parodie auf rassistische Ressentiments geschrieben oder sieht es in seinem Kopf nach all dem Männerschweiß-Rock-Abgefeiere wirklich
so aus?
Wie immer ist allerdings auch in der schlimmsten Jungle World noch zweierlei zu loben: der hervorragende
Cut-up von Deniz Yücel aus antideutschen Samples der letzten 15 Jahre, in der Form erinnernd an Ungis 2000er Michs "Top 100 Sinneinheiten", und der Bericht von Kolja Lindner über die zeitgeschichtliche Entwicklung in den französischen Vorstädten, der einige der kursierenden Vorstellungen über Ursache und Wirkung der Riots geraderücken könnte, wenn ihn jemand
lesen würde.