They want to believe
Die Sichtung der Protagonisten der modernen Historiographie, wie sie am Ende des 19. Jahrhundert besonders in Deutschland geprägt wurde, zeigt verblüffenderweise, daß sie durchaus über den Erfindungscharakter ihrer Quellen im Bilde waren, in der Zusammenschau fast kein Detail unkritisiert ließen und dennoch nicht einmal in Betracht zogen, das Grundgerüst – die Chronologie und die „historische Wahrheit“ – anzutasten.
Klar ist ihnen, daß bei der Abfassung der Geschichte immer wieder dieselben Vorlagen benutzt wurden:
„Die ausführliche Sage von Romulus wäre ohne die Erzählung Herodots über Herkunft und Jugend des Cyrus schwerlich zustande gekommen“ (Ranke: Weltgeschichte, Leipzig 1881-86, Bd. 11/1, S. 76)
„Der Mangel an Originalität und eigener produktiver Erfindungsgabe macht sich auch in der Geschichte von Marcus Furius Camillus deutlich bemerkbar. Der römische Bericht von der Eroberung der Etruskerstadt Veji ist offensichtlich der Ilias nachgebildet.“ (Hertslet/Hofmann, Berlin 2000, S. 115)
Ebenfalls können sie riesige Lücken dingfest machen:
„…die älteste Quelle, welche in der Tat sieben Berge Roms aufzählt, ist die Stadtbeschreibung aus der Zeit Konstantins des Großen. (…) Die uns geläufigen sieben Berge Palatin, Aventin, Caelius, Esquilin, Viminal, Quirinal, Capitol kennt kein alter Schriftsteller.“ (Mommsen, Römische Geschichte, Bd. I, Berlin 1933, S. 107f.)
Die antiken Quellen, die sie zitieren, müssten ihnen weiteren Grund zu fundamentalen Zweifeln liefern:
„Verfälscht wurde die Geschichte meiner Meinung nach durch die Lobreden auf Verstorbene und durch die unrichtigen Unterschriften der Ahnenbilder, insofern sich jede Familie den Ruhm hoher Taten und Ämter durch Unwahrheiten zueignete, denen niemand nachspüren kann.“ (Livius: Ab urbe condita, VIII, 40)
„Manchen ist das Dramatische und nach Erdichtung Klingende daran [an der römischen Frühgeschichte] verdächtig. Man sollte aber nicht so mißtrauisch sein, wo man doch sieht, was für Gedichte das Schicksal Wirklichkeit werden läßt, und die Geschichte Roms überdenkt, daß es doch nicht zu der gegenwärtigen Machtfülle emporgestiegen wäre, wenn es nicht einen göttlichen, mit großen und wunderbaren Vorgängen verbundenen Ursprung gehabt hätte.“ (Plutarch: Romulus, VIII)
Doch sie behelfen sich entweder mit quasi-religiösen Sinnsprüchen wie: „Die Phantasie ist wie aller Poesie so auch der Historie Anfang.“ (Mommsen) Oder sie gehen zur recht unverblümten Rechtfertigung über, deren positivistische Essenz zumeist lautet: Auch wenn der jeweilige Fakt nicht stimmen mag und sogar widerlegt wurde, so ist er doch unser einziger Beleg für das Geschichtsbild, das wir gern sehen wollen. Darin unübertroffen Ranke: Zum von ihm selbst erbrachten Nachweis, daß der so arme Würdenträger Publius Severus doch gar nicht so arm gewesen sein kann, schreibt er:
„...das Wesentliche, der Kern der Tradition, ist doch durch und durch römisch und unentbehrlich zum Verständnis der römischen Geschichte, die wieder in der Weltgeschichte unter allen Nationalgeschichten die bedeutendste Stelle einnimmt.“ (Weltgeschichte, II/2, S. 77f.)
Zur Geschichte von Lucius Quinctus Cincinnatus, der in sein Amt direkt vom Pflug berufen worden sein soll, führt Ranke schließlich aus:
„Historisch bewährt ist sie wohl überhaupt nicht, aber aus der römischen Geschichte könnte man sie doch nicht etwa verweisen. Sie ist charakteristisch für den Unterschie der Lebenszustände, welche aus der Beschäftigung mit dem einfachen Landbau, dem sich auch noch die Patrizier widmeten, und dem Übergang aus demselben zu der höchsten politischen Würde entspringt.“ (Weltgeschichte, II/1, S. 61)
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