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Lehrveranstaltung über den universellen Judenmord

Vorm Cinemaxx am Potsdamer Platz, in dem "Paradise Now" startete, standen etwa zwei Dutzend Protestierende mit drei Israelfahnen, denen ich mich zugesellte, bis um 20 Uhr die Podiumsdiskussion im Kino startete.

Sie wurde in einem gut gefüllten und gegen Ende noch besser gefüllten Saal vom Münchner Journalisten Andreas Wirwalski geleitet, der einleitend von "starken Emotionen" sprach, die sich in der Kundgebung draußen manifestieren würden. Er wollte gern "das leidige Thema" vermeiden, nicht über den Nahost-Konflikt reden, den Film als Kunstwerk diskutieren, und zwar "friedlich" und "kameradschaftlich".

Er las kurz aus einer wohlwollenden Rezension auf zeit.de und aus der Presseerklärung der "Paradise No"-Kampagne vor und begann, das Podium vorzustellen, wobei er ebenfalls vorwiegend auf Internet-Recherchen zurückgriff.

Die Auswahl und Anordnung der Disktutierenden war bemerkenswert: in einer Reihe saßen zur Rechten Wirwalskis der islam.de-Betreiber Aiman Mazyek und Prof. Werner Ruf von der AG Friedensforschung der Uni Kassel, zur Linken Khaled al-Khatib von der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft und der deutsche Koproduzent des Films Roman Paul.

Ganz links und damit neben dem Tisch war Maya Zehden als Vertreterin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft plaziert worden, die dann auch noch als erste sagen sollte, wie ihr der Film gefallen habe.

Sie tat das einzige richtige und sprach zunächst über das Panel, darüber daß sie als einzige Frau und offenbar auch als einzige Nichteinverstandene sich nicht in der Lage fühlte, als ebenfalls Nichtexpertin in Sachen Film und Politik allein das Kontra zu bilden, und bat das Publikum, ihr vielleicht zur Seite zu springen.

Zehden verwies darauf, daß der Film in den Schulunterricht aufgenommen werden soll und daß sie als Mutter nicht möchte, daß Kindern dieser Film vorgeführt wird, da er seinem Anspruch nicht gerecht wird, nichts über die palästinensische Gesellschaft erzählt und stereotype Rollen zeigt. Insbesondere die Anklagen gegen den Sicherheitszaun, der dann aber doch ständig überquert wird, fand sie paradox. Sie hätte sich diesen Film nicht angesehen, wenn sie nicht in diese Runde eingeladen worden wäre, da sie sich überhaupt nicht in einen Selbstmordattentäter hineinversetzen möchte.

Daraufhin kam al-Khatib zu Wort, der in unfaßbarer Weise Zehden einfach das Wort im Munde verdrehte. Sie habe recht, wenn sie von der Darstellung der Realität spreche, die der Film seiner Meinung nach gut zeigen würde, der Realität eines universellen Phänomens, der Unzufriedenheit. Zehdens Argument bezüglich des Sicherheitszauns drehte er ebenfalls einfach um, indem er sagte, der Zaun sei überflüssig. Das ganze tat er im Tonfall eines Charmeurs, der dem dummen Frauchen die Flausen austreiben will. Er betonte den allgemeinen Charakter der Filmbotschaft und verstieg sich zu der Ansicht, das Leben in einem ummauerten Land über Jahrzehnte hinweg würde nunmal zu solchen "Verwerfungen" führen wie eben den Selbstmordanschlägen. (Einwurf: "Wieviel Selbstmordattentäter hätte die DDR wohl hervorbringen müssen?")

Jetzt zeigte sich schon, wie überfordert Wirwalski war, als er versuchte, die beiden Beiträge mit der Aussage zusammenzufassen, "es gehe um Emotionen". Deshalb sei nun der Wissenschaftler an der Reihe.

Ruf behauptete, der Film würde die Ursache und den Sinn von Gewalt beleuchten. Im Nahostkonflikt seien achtmal soviele Palästinenser wie Israelis ums Leben gekommen, aber er wolle die Opfer nicht aufrechnen. Außerdem würde sichtbar wie sich militante politische Strukturen allmählich dem kriminellen Milieu annähern würden, beinahe selbst kriminell werden würden. Wohlgemerkt, er meinte damit die "Lehrer" von Terroristen. An dieser Stelle regte sich erster Unmut aus den hinteren Rängen, die sich nach und nach mit den Teilnehmenden der Kundgebung füllten.

Jetzt war es an Mazyek, vom "Widerstandskampf" der Palästinenser zu reden. Die Frage nach der Rechtfertigung von Selbstmordattentaten sei spannend und interessant, zumal - das gute alte Argument - der Koran in Sure 4,29 den Selbstmord verdammt. Er hatte im Film eine Entwicklung des schließlichen Attentäters gesehen, die ihn gegen Ende als Monster erscheinen lassen würde.

Als der Koproduzent nun über die Entstehung des Filmes zu sprechen begann, wurden die Einwürfe aus dem Publikum immer lauter und zahlreicher, so daß zwei Zuschauer das Wort erhielten und den Film als insgesamt realitätsnah bezeichneten. Als Paul nach weiterem Hin und Her wieder zu Wort kam, sagte er, genau diesen Ton, der jetzt hier herrsche, hätten sie mit dem Film auslösen wollen, einen suchenden Ton.

Die Situation wurde absurd, als aus dem Publikum lautstarke Verdammungen der Israelis zu hören waren ("Sie töten unsere Frauen") und endlich einer der Kundgebungs-Teilnehmer ans Mikro ging. Es würde ihm schwerfallen, nicht emotional zu reagieren, aber er würde sich bemühen, sagte er und begann, den Skandal anzusprechen, den die Verharmlosung des Judenmords darstellt. Als er davon erzählte, was er selbst in Ramallah und Bethlehem von jungen Palästinensern zu hören bekam, als er sich als Deutscher zu erkennen gegeben hatte, nämlich antisemitische Hetze, die Sehnsucht nach einem großen Blutbad in Israel und Zitate aus "Mein Kampf", wurde er lauter und konnte seine Emotionen nicht mehr so gut zügeln. Er klagte an, daß nicht von Antisemitismus und Faschismus gesprochen werden würde und empfahl die Lektüre von Dershowitz' "Plädoyer für Israel".

Das wurde vom Podium nicht aufgegriffen oder erwidert, sondern schlicht übergegangen, als wiederum der Koproduzent den Film als Tragödie beschrieb. Wie in der Mathematik, wo es x und f(x) gebe, müsse man sich sehr wohl in die Terroristen einfühlen. Er pries die internationale Zusammenarbeit an diesem Projekt, ohne zu merken, was er damit sagte.

Eine Reihe hinter mir saß eine Gruppe von fünf oder sechs palästinensischen Männern und Frauen aus Jerusalem, die nun immer häufiger auf die Einwürfe aggressiv zurückbrüllten ("Lüge!") und Mutmaßungen darüber anstellten, um was für Menschen es sich bei den Protestierenden wohl handeln würde. "Das sind Jesuisten, die glauben an Jesus" war eine, "Das sind sicher Studenten" eine andere. Gleichzeitig beschimpften sie sie als "niveaulos", "dumm" und "intellektuell".

Al-Khatib führte nun unter ständigen Beteuerungen, es sei doch nur ein Film, die auch der Moderator mehrmals nachsprach, aus, wie sich im Film genau wie im Konflikt Leben und Tod, Täter und Opfer vermischen würden. Das wurde von einem weiteren Teilnehmer der Kundgebung kritisiert. Ein Kunstwerk als unpolitisch zu bezeichnen, sei verkehrt, da es immer aus einem bestimmten Kontext heraus entstehen würde, der in diesem Fall unübersehbar wäre.

Ruf war mittlerweile beim "Kriegsvölkerrecht" angekommen und stellte die These auf, daß die Dialogverweigerung die Gewalt erst erzeugen würde. Im Film sei doch klar eine Veränderung bei den Charakteren zu beobachten, die erst dem Auftrag folgen würden und dann zu zweifeln begännen. Auch er ging nicht darauf ein, welche Konsequenz dennoch am Schluß gezogen wird.

Es würde eben, sekundierte Mazyek, auch ein anderer Maßstab an Israel angelegt werden, weil es sich um eine Demokratie handelt.

Tobias Ebbrecht meldete sich zu Wort und wies auf die antisemitischen Stereotype hin, die er auf Typoskript (pdf) weiter ausgeführt hat. Als Beispiel nannte er die Bemerkung eines Film vorkommenden Taxifahrers, der die Israelis implizit beschuldigte, das Wasser zu vergiften. Daraufhin rief einer der hinter mir sitzenden Palästinenser, das sei eine Tatsache und stand auf, um diese These zu verteidigen. Er sagte, das sei nicht antisemitisch. Wenn es heißt, man könne in Palästina 30 Jugendliche fragen und sie wären alle Antisemiten, würde er dagegen halten, daß er ebenso 50 Deutsche fragen könne und sie wären alle Antisemiten: "Heißt das, die Deutschen sind Antisemiten?"

Mit dem starken Gelächter auf dieses Eigentor hatte er nicht gerechnet und setzte sich wieder. Die Mutmaßungen gingen wieder los, jetzt hieß es, diese komischen jungen Leute hätten offenbar "die Geschichte nicht gelesen". Oder einfach: „Was ist denn hier los?“ Eine Frau fragte sich laut, ob denn nicht gerade die Jugend immer auf ihrer Seite gewesen wäre.

Ebbrecht stellte die Frage, warum in der deutschen Synchronisation nur die einzige israelische Sprechrolle mit gebrochenem Deutsch, die palästinensischen Figuren jedoch alle hochdeutsch synchronisiert wurden. Paul bestätigte, daß das eher eine Frage wäre, die der Vertrieb beantworten müßte, gab aber verblüffenderweise an, im Original würden beide Seiten in unterschiedlich gebrochenem Englisch sprechen. Die nun nicht gezogene Schlußfolgerung lautet, daß also nicht die Israelis von der deutschen Synchronisation "verfremdet" wurden, wie Ebbrecht vermutet hatte, sondern die Palästinenser "eingedeutscht".

In die aufgeladene und teilweise tumultartige Szene, die sich zur Hälfte aus den Beschimpfungen von hinter mir ("Warum sagst du nicht die Wahrheit?!") und zur anderen aus den dauernden Zwischenrufen ergab, sprach Zehden ihr Schlußwort. Sie zitierte aus dem von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Begleitmaterial für die Schule, in dem von Schülern zu bearbeitende Fragen wie "Wie begründet Said schließlich seine Motivation zum Selbstmordattentat?" und "Wie inszeniert Hany Abu-Assad dessen Monolog gegen Ende des Films?" zu finden sind, während in der "Zeittafel des israelisch-palästinensischen Konflikts" von Suicide Attacks keine Rede ist, sogar der Schwarze September fehlt.

Letzte Rufe aus der Reihe hinter mir ("Wir haben keine Armee, wir brauchen eine Armee! Wir haben nur eine Heilsarmee!") begleiteten die Abmoderation, in der Wirwalski mehrmals nach einer nötigen "Lösung“des Konflikts" verlangte.

Ich beglückwünschte Maya Zehden dazu, sich so tapfer geschlagen zu haben, und den Dershowitz-Empfehler, es geschafft zu haben, sich gegen die Abwiegelei wenigstens kurzzeitig durchgesetzt zu haben, was ich mir nicht zugetraut hätte. Er sagte, es war nicht schwer, es kam von Herzen.

Insgesamt fühlte ich enormen Frust darüber, daß mit Argumenten gegen die zur Schau gestellte Selbstgerechtigkeit und schiere Dummheit einfach nicht anzukommen ist und daß der Film, unabhängig davon, wie er möglicherweise noch verstanden werden könnte, wohl leider genau die befürchtete Rezeption erfahren wird. Der kleine, sehr kleine Trost, der fast keiner ist, besteht darin, daß sich die Kritik immerhin bemerkbar gemacht hat.

(auch dagewesen: scrupeda)
30.9.05 00:21
 



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