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Ordnung Computer Club?

Sind das Nazihacker oder ist das eine Nazihackerparodie?

"Wir jedenfalls haben daraus unsere Konsequenzen gezogen und werden von nun an Widerstandskämpfer! Wir tauschen die Tastatur gegen das Megaphon, den Compiler gegen die Gitarre und den Lötkolben gegen Flugblätter. Wir haben erkannt, daß unsere kleinen Problemchen nichts sind, gegen das, was uns bevorsteht. Ohne Deutschland wird es auch keinen ATARI Computer Klub mehr geben. Deshalb schließen wir uns dem großen Ganzen an, und bereinigen die Sache von oben nach unten, bis wir am Ende wieder bei unseren Problemchen angekommen sind."

Eigentlich zu dick aufgetragen, um real zu sein, aber sie sind ja auch aus Lübbenau...

19.7.06 00:48


Geh zurück in dein Buch

Juden als schlechter Traum der Antisemiten - so sieht es aus, wenn Buchstabengläubige anderen unterstellen, in einem Buch zu leben bzw. aus ihm zu kommen:

>>... Und jetzt fängt alles wieder an. Aber eigentlich war dies von Anfang an absehbar, wie eines der bizarrsten Interviews, die damals [beim letzten Libanon-Krieg, VR] übertragen wurden, deutlich zeigte: Ein israelischer Reporter unterhielt sich über den Grenzstreifen mit einem Hizbullah-Kämpfer. «Ihr seid aus der Geschichte», erklärte der dem Reporter: «ihr seid aus diesem Buch - wie heisst es doch gleich noch mal, ach ja, die Bibel. Geht dahin zurück.» Der israelische Reporter versuchte dem Hizbullah-Kämpfer zu erklären, dass es ausser der geschichtslosen Geschichte auch ein Hier und Jetzt gebe: «Aber nun können wir in Frieden leben, ihr in Libanon und wir in Israel.» Worauf der Hizbullah-Mann nur lächelte: «Israel existiert nur in eueren Köpfen, das gesamte Land gehört uns.» Dieses Gespräch wurde im freundlichsten Ton geführt...<<

(via Volker Radke)
18.7.06 21:52


Arme kleine Deutsche

Wenn ich auch insgesamt sehr glücklich über meine Entscheidung bin, während der WM fast die gesamte Zeit nicht in Deutschland gewesen zu sein - diesen Moment hätte ich vielleicht hier erleben wollen:

18.7.06 18:18


Verschwörungstheorie und Postmoderne - Entschwörung unterwegs, Teil 3

Im dritten Teil meiner Sommerreise, nach den deutschen Nachwirkungen und den Londoner Offenbarungen, wendete ich mich der British Library zu, die allein bereits ein Grund wäre, sich direkt in ihrer Nähe niederzulassen.

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Ich entdeckte allerlei US-Veröffentlichungen zu Verschwörungstheorien, wobei auffällig viele aus dem Jahr 2000 stammten. Ergiebiger waren jedoch die neueren Texte.

Samuel Chase Coale erinnert in "Paradigms of Paranoia" an die Nähe von Kollektivkonstruktionen wie der Nation zur Verschwörungstheorie. Dem authentischen Eigenen wird das andere Fremde gegenübergestellt.

Die Popularität von Verschwörungstheorien in den USA der Neunziger bringt er in Zusammenhang mit der akademischen Postmoderne, als deren Gegenmittel sie sich empfehlen:

"Conspiracy, whether actual or theoretical, provides an antidote to postmodernism: everything becomes a sign, a clue, a piece of a larger puzzle... The concept of conspiracy ... reduces everything to evidence and predetermined clues. It literalizes experience, seeing connections in coincidence, chance, and accident. It fixes identity, transforms the fluidity of postmodern theory into foreordained scripts of conspiracy theory. It denies or undercuts the singularity of particular information and interprets it as part of some larger allegorical structure... In many ways this can become a comfortable notion since the contemporary world becomes explainable and explained, the postmodern malaise rationalized and understood."

In diesem schönen definitorischen Zitat fällt jedoch bereits auf, wie Verschwörungsdenken als Exempel falschen Denkens Verwendung findet. Daß alles zum Beleg wird und die Schlüsse bereits vorab feststehen, ist ja kein exklusives Merkmal der Verschwörungstheorie. Moderne Konspirationisten legen ja Wert auf ihre ergebnisoffene Herangehensweise und werden nicht müde zu betonen, wie sehr sie von ihren Erkenntnissen selbst überrascht wurden. In dieser Recherche-Travestie führen sie jedoch sämtlichen Wissenschaftlern und Journalisten, die Empirie nur zur Bestätigung verwenden, vor, wie leicht der Jargon der gründlichen Nachforschung vorzutäuschen sein kann. Coale weist auch darauf hin, daß mit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Verschwörungstheorien die Grenzziehung eher schwieriger geworden sei: "By the 1990s, conspiracy had become a critical subject in its own right, although at times it was often difficult distinguishing criticism of conspiracy from a parallel vision of conspiracy." Bei Wilson befände sich die akademische Entschwörung also derzeit in der Chapel Perilous: "In researching occult conspiracies, one eventually faces a crossroad of mythic proportions (called Chapel Perilous in the trade). You come out the other side either stone paranoid or an agnostic; there is no third way. I came out agnostic."

Noch verstrickter wird es, da Coale im Menschenbild von Verschwörungstheorie und Postmoderismus Gemeinsamkeiten attestiert: "...both assault the idea of a transcendent, antonomous and individual self. Each self becomes the subject of a particular discourse or the tool of a particular conspiracy."

Mit diesem Gedanken der dialektischen Beziehung von Verschwörungstheorie und Postmoderismus im Hinterkopf geht es an die weiteren Bestimmungen über die Wurzeln des Verschwörungsdenkens im biblischen Fundamentalismus. Vor allem die Buchstäblichkeit, das Glauben an den genauen Wortlaut, wird von Coale hier parallelisiert, wenn er etwa schreibt: "Like a fundamentalist worshipping the literalness of the Bible, clasping the icon to his breast, Marrs accepts the theory of one Zecharia Sitchin..." Die wörtliche Auslegung, die ja in sich bereits ein Paradox ist, wird zum "ultimate metanarrative", zum Gegenpol des postmodernen Mangels an Glauben. Die Position des am Worte klebenden, kaum alphabetisierten Bauern, die zahllose Verschwörungstheoretiker gegen die abstrakte Verwirrung von Moderne und Postmoderne einnehmen, parodiert sich natürlich selbst. Über Hal Lindsey schreibt Coale: "The scriptures literally predicted the future, and he interpreted them literally, except when he interpreted them figuratively."

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Auch Dan Brown, der bereits bestehende, also "reale" Verschwörungstheorien in seinen Büchern verwendet, wird dieser Glauben an den Buchstaben ("faith in the literalness of language, metaphor, and the parameters of an actual conspiracy") attestiert, sein Verschwörungsdenken spiegele das von Hardcore-Autoren wie Jim Marrs.

In der Vermittlungslücke zwischen dem unfehlbaren Text und seiner Interpretationsbedürftigkeit entstehen die chronischen Denkfehler: "The pattern replaces the absolute proof, which is impossible to find... Consistency always overrules coincidence in such matters." (Oder wie der liebe Herr Seyfarth die ultimative verschwörungstheoretische Frage so präzise formulierte: "Wen gibt es?") Beim unfehlbaren Text handelt es sich die nach wie vor am häufigsten um die Johannesoffenbarung, die christliche Anleitung zum antizivilisatorischen Weltkrieg, die in verschiedenen Umfragen von US-Amerikanern doppelt so häufig für wahr gehalten wurde wie die gesamte Bibel. Im Apokalyptischen finden sich Verschwörungsgläubige mit anderen Gläubigen sozial zusammen: "Both conspiracy theories and apocalyptic belief share their full quota of fatalism and despair, but in each eventually there will be conclusion, and the true believers who are aware of the process and the vision now are the only ones who will be triumphant and saved. Faith will eviscerate skepticism, and skeptics will be crushed." Daher, resümiert Coale, "is no end in sight to the proclaiming of the end that is to come."

Michael Barkun widmet sich in Culture of Conspiracy aus dem Jahr 2003 der auch für mich zentralen Frage nach dem Überschwappen der Verschwörungstheorien aus dem Kreis der klassischen und zumeist wenigen Anhänger in andere Teile der Gesellschaft. Er benennt Schnittstellen, die auf Glaubensbedürfnisse der Mehrheit hinweisen, etwa die Vorstellung, die Welt sei - vom Schöpfer oder von einer allmächtigen irdischen Instanz - willentlich gestaltet worden und kein Zufallsprodukt. Die drei Grundregeln für Verschwörungstheorien, die er formuliert, erklärt er gleichzeitig zu weit verbreiteten Denkähnlichkeiten: "Nicht geschieht zufällig. Nichts ist wie es scheint. Alles ist miteinander verbunden." (Insofern stellt sich meine jahrelange Tramperei als sehr wirksames Antidot gegen Verschwörungstheorien heraus: Alles ist Zufall; ich komme nur weg, wenn ich wegkomme; es gibt keine Verbindung, die nicht hergestellt wird; der Schrei im Moment der Gnosis laut scrupeda: "Der Diskurs hat mich verlassen" ) Die Attraktivität des Verschwörungsdenkens bestünde eben gerade darin, Okkultes als vergessenes, übergangenes, mißachtetes, abgelehntes oder offen unterdrücktes "Wissen" zu präsentieren und damit der populären Ahnung zu entsprechen, daß jenseits der "offiziellen" Fakten und auch jenseits des Faktischen die "eigentlich" essentiellen Dinge zu finden sind.

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Den Vorgang der Popularisierung von Verschwörungstheorien schildert Barkun für die USA spiegelverkehrt zum Geschehen in Europa. Dort war der Millenarismus nur auf in diesem Ausmaß auf Verschwörungstheorien angewiesen, solange er relativ unpopulär war. Seit dem Jahr 2000 und noch verstärkt seit 9/11 hingegen gehen die biblischen Apokalyptiker offensiv davon aus, daß die Zeichen nicht erst gedeutet werden müßten, sondern daß das Weltende jedem Gläubigen offenbar sein müßte. (Das, obwohl gerade die Lokalisierung Babylons solchen Dissens verursacht. Es wird gestritten, ob es in Washington, New York, in Kalifornien oder - wie beim kanadischen Evangelisten Grant R. Jeffrey - im Irak liegt.) Während in Europa also verschwörungstheoretische Deutungen, die schon in den Neunzigern präsent waren, erst seit 9/11 zu ihrer enormen Verbreitung kamen, ist der Verschwörungsboom in den USA bereits am Abklingen.

Genau am jeweiligen Umschlagpunkt befindet sich der Sammelband "The Age of Anxiety. Conspiracy theory and the Human Sciences", herausgegeben von Jane Parish unmittelbar vor 9/11 und noch mitten in der Verschwörungspop-Phase. Hier kann die ganze Anfälligkeit des geisteswissenschaftlichen Betriebs für Konspirationismus besichtigt werden. Ohne die wesentliche Unterscheidung zwischen dem Erwägen einer Verschwörung und dem Glauben an eine Verschwörung im Auge zu behalten, wirft sich die Herausgeberin in der Einleitung den "neuen" Verschwörungstheorien an den Hals: "Conspiracy theorizing at the end of the 20th century marks a new way of governing our relationship with others and our involvement with key social and economic institutions." Hätten die "alten" Verschwörungstheorien aus dem Weltbild armer Leute bestanden, die einen persönlichen Sündenbock suchten, ginge es nun im Stile Michael Moores darum, Sinn in der Unübersichtlichkeit zu stiften, um "conspiracy practice" (was immer das sein soll) und auch um neue "scapegoats", nämlich Hacker und Viren. Warum ein Hacker kein persönliches Target mehr darstellt, leuchtet mir nicht ein, depersonalisiert ist er genau wie der vermeintliche Weltverschwörer ja nur aus sicht des Konspirationisten, der Affekt gegen den Hacker trifft jedoch reale Personen, die real im Gefängnis landen.

Zur Verwischung des Unterschieds zwischen Neugier und Verdächtigung, zwischen Investigation und Verschwörungsdenken werden dann allerlei postmoderne Theoretiker aufgefahren, zum Beispiel: "For Lyotard, to answer the question 'Why?' is a nostalgic search for an abscent cause... The question 'why?' ignores the idea that disjuncture not only separates, but brings together and mediates a process of betweeness that enables us to see the real, not as a final closure or the recovery of a lost totality as 'conventional' conspiracy theory would have us find, but as an open origin." Das klingt alles ganz gut, sagt aber nichts über das diskutierte Problem und sorgt eher dafür, daß im weiteren Verlauf des Buches verschiedene Formen von Verschwörungsdenken als gesellschaftskritisch und subversiv geadelt werden, denen diese Prädikate anders als etwa dem diskordischen Ansatz kaum zustehen.

Es wird zumeist die Person des Verschwörungstheoretikers pathologisiert (Mark Featherstone: "...conspiratorial thinking as a pathological effect of the dissolution of social recognition, a paranoid form of non-knowledge caused by the rise of political ideologies which foreground the rights of the individual at the expense of those of all others") oder seine Methode oft zutreffend kritisiert (Alasdair Spark über Noam Chomsky: "mode of enquiry... deep mining of the world's detail for bits of evidence"), dann gibt es jedoch eine selten nachvollziehbare Wendung dahin, daß die Ergebnisse und auch ihre Vermittlung letztlich fruchtbar seien. Chomsky ist trotz seiner Selbstgerechtigkeit eben für die Globalisierungskritik wichtig, Michael Moore ebenso, und Verschwörungskritiker wie Daniel Pipes werden der manischen Diskreditierung der Linken überführt.

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Insgesamt verdeutlichen diese Autoren die fragile Abgrenzung der akademischen Erkenntnismethoden zu den als verschwörungstheoretisch äußerlich gemachten. Oft wirken die Ablehnungspassagen wie Lippenbekenntnisse oder Rezitation von Glaubenssätzen, während beim Zitieren der Verschwörungsliteratur Faszination sichtbar wird. Schon daher wird es bei meiner weiteren Beschäftigung mit dem Thema wichtig sein, beispielhaft Ideen aufzuführen, die nur von der akademischen Beschäftigung mit dem vermeintlich anderen zu Verschwörungstheorien gemacht wurden, wie etwa die Chronologiekritik. (Samuel Chase Coale stellt etwa die doppelbödige Frage: "Whose history verifies these prophecies?") Im Zusammenhang mit der Einteilung in "alte" und "neue" Verschwörungstheorien, die in beinahe jedem Einzelfall nicht triftig erscheint, stellt sich auch die Frage, ob der Satz "Es gibt keine Weltverschwörung" nur bedeutet "Es gibt keine Weltverschwörung mehr", was einen gewaltigen Unterschied ausmacht.

In Anlehnung an Coales Konzept von der Dialektik von Verschwörungstheorie und Postmodernismus sei der einzige wirklich schöne Satz aus "The Age of Anxiety" zitiert, aus dem Beitrag von Peter Knight:

"I'm not entirely certain whether it's better to believe that everything is shaped by discourse, or by the Trilateral Commission."
18.7.06 17:10


18.7.06 00:27


Ich zu Gast bei Freunden

In einem Gastposting verbreite ich mich bei den Drink-soaked Trots for War über die Wiederholung der Wiederholung der Geschichte:

Those who write history are doomed to repeat it.
17.7.06 22:38


Vergessen im Land der Erinnerungsweltmeister

In einem Saal in Leipzig-Connewitz fanden sich zum dritten Mal gut 70 Besucher ein, um die theoretischen Ausführungen der Gruppe in Gründung aus dem Umfeld des Kulturzentrums Conne Island zu verfolgen und zu diskutieren. War es an den vorangegangen Abenden um die Aktualität der Kritischen Theorie und den Islamismus gegangen, sollte nun, ausgehend von der Frage "Leben wir noch in einer bürgerlichen Gesellschaft?", zur Begriffsbestimmung des Bürgerlichen oder Nachbürgerlichen sowie des Postnazismus beigetragen werden.

Roter Faden war eine Kritik der Position, die als "antideutsch" bezeichnet wurde, wobei sich der Referierende letztlich an relativ wenigen Bahamas-Autoren orientierte. So wurde gegen Clemens Nachtmanns Rede von der "Krisenbewältigung in Permanenz" als Kennzeichen des Postnazismus (die nicht nur die seine ist) die Immanenz der Krise und ihrer Erscheinungen auch vorm Nationalsozialismus durchbuchstabiert: der Staat sei nicht erst seit den Nazis notwendiger Garant der Verwertung, "reinen Liberalismus" gab es nie, Verwertung ist automatisch unmenschlich, Nichtteilnahme führt zu psychischer und physischer Not, Individuen werden von fetischisierten Repräsentationsformen gelebt. Allenfalls das Lumpenproletariat, heute die Hartz-IV-Empfänger, erscheine als nachbürgerliche Klasse, Arbeiter waren als Warenbesitzer immer verbürgerlicht.

Nach diesen zutreffenden Zurückführungen wurde es nun beim Sprung vom Bourgeois zum Citoyen, vom Bürgertum zum Staatsbürger, im Vortrag etwas schwammig und im weiteren Verlauf auch recht bedenklich. Die gerade so richtig als Ideologie dementierte Vorstellung von der liberalen Phase, als deren Inkarnation die USA erscheinen, und die mit dem Ersten Weltkrieg oder der Weltwirtschaftskrise zu Ende gegangen sein soll, wurde nun gegen die deutsche Gegenwart aufgebaut. Als hätten sich die USA nicht durch die Zufälligkeit der Akkumulationsgeschichte konstituiert, als hätte der entfesselte Markt die alte Ordnung nicht deshalb dermaßen überrumpeln können, da sie nur mäßig präsent war, und so eine unleugbar andere Gesellschaft erzeugt, wurde die Idee einer deutschen Zivilgesellschaft auch gegen Rahmenrealität behauptet. Denn dem Citoyen ist nur die Fähigkeit zur nicht-selbsterfüllenden Einbildung von individueller Macht und individuellem Einfluß, von Autonomie und von der Zivilgesellschaft eigen.

Den Antideutschen(TM) wurde nun vorgeworfen, sie behandelten die deutsche Volksgemeinschaft als Fatum und bestritten so die Möglichkeit der deutschen Zivilgesellschaft. Das wiederum würde dazu führen, daß man auf den Messias warten und gleichzeitig auf den autoritären Staat zur Niederhaltung der NS-Rückstände vertrauen müßte. Stattdessen sei Deutschland so zivilisiert wie nie und es drohe kein Griff nach der Weltmacht. Als Beispiel dafür mußte herhalten, daß die Presse beider letzten Wahl ihre kritische Funktion erfüllt habe und Schröders Wiederwahl verhindern konnte. Es wurde also Entwarnung auf der ideologischen Ebene gegeben, dort wo in aller Empirieferne das Selbstbild der arrivierten Intellektuellen sich spiegelt und das gesellschaftliche Fundament ausgeblendet werden kann, das nach wie vor von Phänomenen wie den Burschenschaften, der Indogermanistik, der Bundespolizei, der grüngelabelten Technikfeindschaft, dem Geschichtsrevisionismus und den mutuellen Feind- und Freundbildern geprägt ist. Erscheinen mit starrem Blick auf eine historisch präzise Wiederholung des Nationalsozialismus die subtilen Umgehungsstrategien als Grund, den Alarm abzustellen?

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Weiter wurde also das Subjekt beschworen, dessen Verschwinden lediglich eine Tendenz der kapitalistischen Gesellschaft sei, keineswegs jedoch sei die Diskurs- oder Debattenfähigkeit aus ökonomischer, politischer, familiärer Situation ableitbar. In einer Zwar-aber-Sequenz wurde erst von einer "Vergleichgültigung der Erziehung" gesprochen, die das früher im Ödipalen geschmiedete Selbstbewußtsein aufgelöst hätte, was erstaunlicherweise von einer "Zunahme der Amokläufe im letzten Jahrzehnt dokumentiert" werde; danach vom Arbeitsmarkt, der "keine Untertanen, sondern stets kritisch reflektierende, flexible Arbeitskräfte" verlangen und deshalb nur temporäre Bindungen erlauben würde, was mit unschön klingenden Formulierungen wie "Anpassung auf Zeit", "Fehlen eines Über-Ichs", "Unfähigkeit zu dauerhafter Bindung" illustriert wurde. Nun der Dreh: Das Individuum sei dadurch aber auf sich selbst verwiesen. Daß es nur wenige Kritiker der Gesellschaft gäbe, sei auch vor 150 Jahren so gewesen. Dafür gäbe es eine reflektiertere Erziehung, freier und rücksichtsvoller. (Die für so ziemlich jedes Übel von der Vergewaltigung bis zum Drogentod verantwortlich gemacht wird...) Ohne Beleg wurde die Frage verneint, ob die Kulturindustrie das kritische Subjekt paralysieren würde, eher galt nun ausgerechnet Pop seinerseits als Beleg gegen die verwaltete Welt, die Kulturindustrie hingegen gleich als "Ausdruck des bürgerlichen Subjekts". Pop wurde wiederum erfahrungsfern an "Marken und Fernsehen" festgemacht.

Das auf, sagen wir mal, eigenwillige Weise ermittelte Integral lautete schließlich: pazifizierte Eliten seien fähig zum Appeasement mit dem Terror, nicht jedoch zum eliminatorischen Antisemitismus. Der Westen Deutschlands sei seit 60 Jahren im Normalzustand. 1968 hätte entgegen Nachtmanns Rede von der "Revolte gegen die Vermittlung" zur Zivilisierung der Gesellschaft beigetragen. Das klingt wie Feuilleton, beziehungsweise wie: dem Feuilleton geglaubt, denen, die sich ihre Legitimation herbeischreiben.

Viel spannender als der Vortrag war dann auch die Diskussion, und sollte es dieses Vortrags dafür bedurft haben, dann hat er darin seine Berechtigung. Gleich als erstes wurde natürlich eingewendet, daß Deutschland nicht zivilisiert wie nie sei, daß "Deutschland" als Bekenntnis gerade zur WM omnipräsent gewesen sei, daß außerdem die Erziehung in Zeiten von Hartz IV eher zur staatlichen Kandare tendieren würde, daß es schließlich weniger Kritiker denn je gäbe, da ja alle kapitalismusgläubig seien, und gar der 'Spiegel' hauptsächlich Biologismus propagiere.

Der Referent entgegnete, daß er daran festhalte, von "normalem Nationalismus" zu sprechen, da während der WM einem amerikanisierten Trainer und polnischstämmigen Spieler zugejubelt wurde. Er würde den verbreiteten Antisemitismus nicht leugnen, jedoch "alarmistischen Sprech" kritisieren wollen. "Normal" sei der neue deutsche Nationalismus in dem Sinne, daß er so sei wie der in anderen westlichen Staaten. Hartz IV wiederum würde versuchen, Leute aus Hartz IV rauszubekommen. Die Arbeiterbewegung, der kollektive Kritiker von vor 150 Jahren, "das waren keine ichstarken Individuen". Hoppla.

Ich selbst wies darauf hin, daß in England und Portugal die Wahrnehmung von Nichtjubelnden sehr viel entspannter war, daß andersrum die konservative britische Presse anmahnte, man möge sich doch im Umgang mit den Fahnen und in der Zurechtweisung der Nörgler ein Beispiel an Deutschland nehmen. Außerdem wollte ich nochmal erklärt bekommen, wie die deutschen Medien nun Schröders Wiederwahl verhindert hätten. Auf beide Einwände gab es ähnlich überzeugende Entgegnungen wie bei meinem Vorredner: es wäre auch von Ha'aretz anerkannt worden, daß "wir jetzt wieder Deutsche sein könnten" und nach wie vor hätte Deutschland die geringste Rate an Nationalstolz in den Umfragen; zur Wahl gab der Referent an, Deutschlandfunk gehört zu haben, wo ein Wahlkampfauftritt Schröders kritisiert wurde, und überhaupt habe Schröder ja verloren, oder? (War das so?)

Als nächstes gab jemand zu, daß die Pogromstimmung während der WM ausgeblieben sei, was aber sei mit der Kontinuität, soll man nun die Geschichte der letzten 15 Jahre umschreiben? Ohne ja zu sagen, sagte der Referent ja, denn seit 1990 habe es die Rede vom Griff nach der Weltmacht gegeben, dabei war nur "normale Interessenverfolgung" zu besichtigen.

Vom nächsten Diskutanten wurde die Schraube noch etwas weiter gedreht. Der völkische Nationalismus sei zu republikanischer Nationalismus geworden, der Hauptfeind sei nicht das eigene Land. Auch Horst Pankow hätte keine Unterschiede zwischen deutschem und englischem Verhältnis zum Islam zu benennen gewußt (nicht mal der... na dann... ) . Es würde sich also die Frage stellen, was das spezifisch Postnazistische in Deutschland sei. Den zugespielten Ball verwandelte der Referent mit dem Verweis darauf, daß Antizionismus weniger ein deutsches als ein europäisches Phänomen sei; es bleibe wichtig, "den Islam" zu bekämpfen.

Die Einwände waren bereits aufgeregter und gaben das Gefühl leichter Fassungslosigkeit wieder. Der nächste begann denn auch defensiv, selbstverständlich würde Deutschland nicht nach der Weltmacht greifen und kein neuer Nationalsozialismus bevorstehen, linksradikale Mythen seien anzugreifen, ABER daß "normaler Nationalismus" so leicht über die Lippen kommt, sei schon unglaublich: "...wegen Auschwitz kann es keinen normalen Nationalismus geben, denn auch normaler deutscher Nationalismus ist nicht normal." (Die Deutschen üben performative Normalität? Zivilisationstravestie?) Die alarmisierende Sprache sei weiterhin angemessen, hieß es in alarmisierter Sprache.

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Aus der Veranstaltergruppe wurde nun präzisiert, daß Normalbetrieb heißen würde, es gibt keinen Ausnahmezustand. (Heißt das, daß es weder vor noch während oder nach dem Nationalsozialismus permanente Krisenbewältigung gegeben hat, die ja der permanente Ausnahmezustand ist?) Gerade wegen Auschwitz müsse also "normaler Nationalismus" gegen völkischen verteidigt werden. Sogar Juden seien mittlerweile eingemeindet, wie die öffentlichen Nachrufe auf Paul Spiegel als "deutschem Patrioten" gezeigt hätten. "Normalen Nationalismus" mit Nationalsozialismus zu analogisieren, würde Auschwitz verniedlichen.
Gleichzeitig wurde eingeräumt, daß Normalität aber auch Abschließen mit der Vergangenheit, also mit Auschwitz, bedeuten würde - das sei "der Pferdefuß": "daß man sich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigt". (Außer die beiläufigen, sporadischen Notizen zu Dresden, Vertreibung, Untergang und wie es der Ami getrieben hat...)

Der nächste aufgeregte Einwand sprach mir aus dem Herzen. Was denn mit Geschichtsrevisionismus und Erinnerungsdiskurs sei, ob es denn nicht den meisten sehr wichtig sei zu sagen, Opa war kein Nazi? Was denn die Basis dieses neuen Nationalismus sei?

Ein anderer aus der veranstaltenden Gruppe gab sich skeptisch. Egal ob es nur zwei Formen des Nationalismus oder auch Mischformen gäbe - alles schlimm: "Wie sieht's denn am Stammtisch in der National Befreiten Zone aus?" Postnazismus tauge natürlich nicht als Welterklärung, aber in seiner Reflexion auf Auschwitz liege beständige Aktualität, Auschwitz sei immer noch für alle Politik zentral. Der Referent knüpfte mit der verblüffenden Feststellung daran an, daß Deutschland Israel wegen Auschwitz verteidigt. Der "normale Nationalismus" sei normal, weil er nicht eliminatorisch ist. (Er ist ja auch nur Feindmarkierung derer, die nicht mitmachen.)

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Form und Klang der Ausgrenzung der Nörgler sei nicht normal, wurde eingewendet. In den USA dürfe die Fahne verbrannt werden, hier hingegen wurden nicht Fahnenschwenkende aggressiv ausgeschlossen. Nationalismus sei immer Bekenntniszwang und Exklusion, hieß es darauf aus der Gruppe, wichtiger sei, was der Inhalt des Bekenntnisses wäre - Volk oder Verfassungsstaat: "Was ist das spezifisch Deutsche am Ausschluß?"

Die gleiche Diskussionsteilnehmerin, die auf die Erinnerungspolitik hingewiesen hatte, unterstrich noch mal, daß es in praktisch jeder WM-Diskussion um die Geschichte gegangen sei. Ein anderer meinte, okay, es sei nicht völkisch oder auf dem Weg nach Auschwitz, aber mit Geschichtsaufarbeitung hätte sich's jetzt wohl. Aus der Gruppe wurde abermals programmatisch gesprochen: es handele sich um einen Nationalismus, der durch Geschichtsaufarbeitung durchgegangen ist. "Du bist Deutschland" sei doch ein antivölkisches elitäres Projekt, ein gescheiterter Zivilisierungsversuch gewesen. (Wurde dann nicht einfach versucht, den Makel anzunehmen? Wird nicht einfach etwas gespielt, von dem man annimmt, "das Ausland" würde es für normal halten, so wie hier Filme gedreht werden in der Hoffnung, jemand würde sie "international" finden?)

Das Schlußwort hatte nochmals die Frau mit der Erinnerungspolitik: Letztlich aus dem Zwang heraus, normal zu erscheinen, sehe sich Deutschland nun als "Erinnerungsweltmeister".

Da ist es bemerkenswert, wie schnell die lieben Kritiker vergessen. Etwa, daß die Bundesrepublik eher in der Reaktion auf die 68er zivilisiert wurde, daß viele liberale oder wenigstens nicht so deutsche Elemente der gesellschaftlichen Realität sich immer noch den Begleiterscheinungen der Besatzungszeit verdanken, daß das Selbstbild der Deutschen zumeist zivilisiert war, daß sich die Mehrheit ihres Feindbildes weiterhin recht gewiß zeigt. Das linke Ressentimentgenerve über den "Bullenstaat" und das "Vierte Reich" hinter sich zu lassen und nicht in jedem Polizisten einen SA-Mann zu wähnen, finde ich vernünftig. Gleich am anderen Ende rauszukommen und die deutsche Zivilisationstravestie als überzeugend durchzuwinken, erscheint mir naiv und nur aus dem eigenen Befinden begreiflich. Wie sonst ist zu erklären, daß sich in einer kritisch-kommunistischen Veranstaltung selbst ein angeführtes "normal" in solcher Inflation findet?

Wenn Nationalismus ausgerechnet in dem Land wieder salonfähig ist, das damit die größten Verheerungen anrichtete, das mit seiner Ideologie immer noch als Maßstab und Vorbild für viel zu viele funktioniert, ist das allerdings nicht normal mit oder ohne Anführungszeichen, und ebensowenig ist es egal.
17.7.06 18:59


Potsdam -> Leipzig

Wie zumeist geht es von Potsdam zügig los, der Mittzwanziger, der mich mitnimmt, nimmt jeden mit, denn Tramper sind gute Menschen, sagt er. Er hat ein Buch gelesen, in dem Amerika von einem Tramper kritisiert wird und seitdem hat er Hochachtung vor ihnen.

Am längsten fahre ich an diesem Tag mit einem Mann mit, der mich von der Auffahrt in Michendorf bis an die Abfahrt Großkugel auf die B6 liftet, von dem ich jedoch nur in Erinnerung behalten habe, daß er nach Bamberg weiterfahren wollte.

Wiederum ist es die letzte Kurzstrecke, die im Gedächtnis bleibt, eine Hallenserin, die nur den Stau auf der A9 umgehen will und mich gleich nach Leipzig rein fährt. Sie sagt, sie wäre auch gern vor der WM geflohen und führt allerlei Beispiele dafür an, wie sehr ihr das Schauspiel als lediglich vorgemachte Normalität erschien. Ich erzähle, weshalb ich in Leipzig bin, nämlich letztlich wegen meines reggaekritischen Textes. Sie sagt, daß ihr auch schon mal der Gedanke gekommen sei, daß sich Reggae sehr nach Christentum anhören würde. Sie hat einen Sohn, der Hip Hop hört und sie meint tatsächlich, daß es besser sei, wenn die Künstler offen sagen, daß sie kriminell sind oder sein wollen als wenn sie von religiösem Quatsch singen.
17.7.06 10:58


Die Tage

Heute werde ich mir wohl die Leipziger Gruppe in Gründung ansehen, das Wochenende wiederum verbringe ich am Grüne Kraft-Bücherstand beim Auerworld-Festival.
13.7.06 14:02


Verschwörung gegen die Männer

Hitler war vielleicht ein britischer Agent, die Oktoberrevolution ein Plot britischer Freimaurer, der Zweite Weltkrieg der Versuch, Deutschland durch die SU zu vernichten, der heutige Dritte Weltkrieg die organisierte Vernichtung Amerikas und der Feminismus ist eine beständige Verschwörung gegen das ganze männliche Universum, erfährt das vorher beim verlinkenden Top10-Blog (na gut, gestern laut Blogcounter nur Nummer 14) PI eingeweichte Lesefröschchen bei Henry Makow.
13.7.06 11:03


Bei Bilderbergers unterm Sofa - Entschwörung unterwegs, Teil 2

Wie berichtet, verfolgten mich Verschwörungstheorien und deutscher Wahn bis nach Portugal. In Spanien begegnete mir bei der Erwähnung von Atocha die gleiche Indifferenz wie bei jedem anderen Thema. Zwar hatten sich die politischen Rivalen in Zeitnähe zum Ereignis gegenseitig mit dem Vorwurf der Verschwörung belegt, das schien aber eher dazu gedient zu haben, den Verdacht von sich abzulenken, was wohl beiden Fraktionen ganz gut gelang. Jetzt scheint jedem Spanier klar zu sein, daß Aznar ein Mörder und außerdem ein Hurensohn ist, beziehungsweise im Massenbewußtsein war. Dazu bedarf es keiner besonderen Verschwörungstheorie, es genügt vollauf der Common Sense, Spanien wäre bis zu seiner glorreichen Wahl ein Vasall Amerikas gewesen und nun endlich auf den Weg nach Kerneuropa umgeschwenkt. Sogar der Papst kommt jetzt von dort zu Besuch nach Valencia.

In England lag der Fall dann komplizierter. Die gleiche Bekannte, die mir das schon heiß ersehnte "Them. Adventures with Extremists" von Jon Ronson auslieh, meinte bezüglich meiner Beurteilung von Atocha und 7/7, das entspräche dem, "what they try to make you believe." Der gleiche alte Hippie, der London für seine Internationalität lobte und seit jeher von der Verkommenheit und Überflüssigkeit von Regierungen überzeugt war, zeigte ein unstillbares Entsetzen über die von diversen 9/11-DVDs behauptete Möglichkeit, die amerikanische Regierung könnte vielleicht lügen. Der alte Gelehrte, der die Freizügigkeit der Gegenwart bewarb, sprach im nächsten Atemzug davon, daß dies eben die letzten Tage von Babylon wären.

03072006474


Der Guardian, Hausblatt des britischen Bauchlinken, bot Mark Honigsbaum eine Woche vorm 7/7-Jahrestag die Möglichkeit, seine Verwendung durch Verschwörungstheoretiker zu thematisieren. Er hatte unmittelbar nach der Explosion an der Edgware Road eine Zeugenaussage zitiert, nach der sich der Boden des Zuges gehoben hatte. Schon kurz darauf war durch andere Zeugen, die näher an der Explosionsstelle gewesen waren, klargeworden, daß die Bombe im Zug und nicht darunter hochgegangen war. Das Audio seines Livebeitrags kursierte jedoch bereits im Internet und triggerte später Postings wie "Did July 7 bombs explode under trains?" oder auch gleich "How Black Ops staged the London bombings". Just benutzte der bekannte Sprengstoffexperte Jürgen Elsässer dieselbe Kolportage für seine kritische Reportage für die Physiker- und Chemikerfachpresse, was dann gleich von Mathias Bröckers in seinem Weblog weiter kolportiert wurde.

Ich las also den großartigen Jon Ronson, der bei seiner teilnehmenden Bobachtung unter Extremisten aller Couleur immer wieder auf die Vorstellung einer geheimen Weltregierung gestoßen war und sich daher auf die Suche nach ihr begeben hatte. Als er tatsächlich auf die Bilderberger stößt und mit einem ihrer Mitbegründer redet, stellt er fest, daß sie eben wirklich wichtige Dinge zu besprechen haben und nicht wollen, daß ständig Antisemiten vorbeischauen und stören.

"To say we were striving for a one-world government is exaggerated, but not wholly unfair. Those of us in Bilderberg felt we couldn't go on forever fighting one another for nothing and killing people and rendering millions homeless. So we felt that a single community throughout the world would be a good thing... That isn't a conspiracy! That is the world. It is the way things are done. And quite rightly so... But I will tell you this. If extremists and leaders of militant groups believe that Bilderberg is out to do them down, then they're right. We are. We are against Islamic fundamentalism, for instance, because it's against democracy."
"Isn't Bilderberg's secrecy against democracy, too?" I asked.
"We aren't secret," he snapped. "We're private..."

(Bilderberg Chapter)


Ronson beschreibt den irgendwie desillusionierenden Effekt, den diese banale Begegnung mit der angeblich sinistren Weltverschwörung für ihn hatte: "At times, I become nostalgic for when I knew nothing. There are so few mysteries left, and here I am, I presume, relegating Bilderberg to the dingy world of the known."

Dann stellt er fest, daß die Art, wie die Islamisten und Neonazis und Verschwörungstheoretiker über westlichen, kosmpolitischen Liberalismus als eine Art Glaubenssystem reden, ihm wenigstens daß Gefühl geben würde, er hätte eins. Nur um gleich darauf zu erfahren, daß auch die Bilderberger und die Teilnehmer des als satanisches Ritual verschrienen Promi-Freakouts im kalifornischen Bohemian Grove die über sie verbreiteten Verschwörungstheorien durchaus genießen, da sie ihnen das Gefühl geben, wirklich noch die Kontrolle zu haben. Denn, so sagt einer von ihnen, "keiner regiert die Welt. Die Märkte regieren die Welt."

04072006495


Nicht sehr überraschend, daß Ronson von Hardcore-Verschwörungstheoretikern als "einer von ihnen" angesehen wird. Unter dem Telepolis-Artikel zum Buch finden sich etwa folgende Kommentare:

"Jesus war der erste Verschwörungstheoretiker und wurde von den J.... auch schwupps gekreuzigt. 2000 Jahre Judenverfolgung sprechen für sich - und sie machen so weiter, prost shalom!!!
Heil Jahwe"

(Surfcheng, ergänzt um die Empfehlung des Buches von Armin Risi: "Machtwechsel auf der Erde, Der multidimensionale Kosmos, Band 3, Die Pläne der Mächtigen, globale Entscheidungen und die Wendezeit")

"Vielmehr werden da wohl eher Themen durchgesprochen, wie sich eine Unterjochung des arbeitenden Volkes mit dem geringst möglichen Widerstand durchsetzen lässt."
(arthur dee)

"Nahezu alle Tollheiten, die zu unser gegenwärtigen globalen Krise (sei es wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Natur) geführt haben, wurden bei solchen Treffen in Geheim-Zirkeln ausgedacht.... (Es gibt nicht nur Bilderberger!)"
(sensortimecom)

Schöner ist da ein Interview, das CNN mit Ronson führte und das folgendermaßen endete:

J.R.: „Ich denke, die Geheimnistuerei der Bilderberger geht insbesondere auf Henry Kissinger zurück, einem der Gründungsmitglieder der Bilderberger, der, ich denke auf eine recht dumme Weise, die Idee liebt, so eine geheimnisvolle Schattenfigur zu sein. Es ist wirklich dumm, in der Tat. Einige Mitglieder, zum Beispiel Lord Owen...“

CNN: „Der frühere britische Außenminister und Führer der Social Democratic Party.“

J.R.: „Ja, also er sagte mir, er würde sich wünschen, die Bilderberger würden diese Geheimhaltung aufgeben, denn sie gibt Anlaß für immense Verschwörungstheorien.“
12.7.06 20:53


Gimme some o' that ol' time Maschinenstürmerei

Sollte jemand am Samstag in Darmstadt sein, kann er sich im 'Saturn' am PC-Weitwurf beteiligen. "Es werden alte PCs so weit wie möglich geworfen, gestoßen oder geschleudert", heißt es.
12.7.06 11:09


Antisemiten gegen Hitler - Entschwörung unterwegs, Teil 1

In Portugal brach eine deutsche Bekannte mitten in einem anderen Thema in einen Sermon über die Mächtigen der Welt aus, der sich ohne mein Zutun schnell in Richtung selbstgemachtes 9/11 und einen kleinen Kreis weniger Verschwörer entwickelte. Ich fragte nach Quellen und wurde auf ein Buch verwiesen, in dem "alles" drinstünde. Dieses Buch würde von einem befreundeten Pärchen älterer Deutscher zu beziehen sein, die ebenfalls in Portugal wohnen. Tatsächlich brachte dieses Pärchen das Buch am nächsten Tag vorbei, "Pyramide der Wahrheit" von Julius H. Barkas aus dem vergangenen Jahr, geschätzte Verbreitung gering, jedoch angesichts der Liste seiner Auftrittsorte für den folgenden Inhalt doch erstaunlich. Auch die Begleitveröffentlichung des Verfassungsschutz-Symposiums "Neuer Antisemitismus" vom Dezember 2005 geht zwei Seiten lang auf Barkas ein und zitiert ihn ausführlich. (S. 33f.)

Ich beschloß es zu lesen, auch, um zu verstehen, warum meine Bekannte darauf hereingefallen war.

Abgesehen von den üblichen Zutaten, die teils wörtlich aus "Wer regiert die Welt" von Des Griffin, Bröckers WTC-Bestseller und diversen Büchern von Jan van Helsing und David Icke übernommen und wenig originell zusammengefügt wurden (die Zirbeldrüse; Verbot von Hanf, Germanium und Vitamin B17; am 12.12.2012 rotiert die Erde drei Tage lang nicht mehr, dann in die entgegengesetzte Richtung; linksdrehender Körper erreicht viel höhere Frequenz als ein rechtsdrehender... Mensch schwingt mit 7500 Bovismetern, Hopfen mit 8000, Germanium mit 18000, Hanf 63000; das linksgeflügelte Hakenkreuz das Zeichen des Glückes und der Auferstehung, mußte deswegen verschwinden - wie bei Dan Brown), konstruiert der Autor eine Rückzugslinie für eine Art antifaschistische Verschwörungstheorie. Mithilfe alter Brockhaus-Ausgaben versucht Barkas die IG Farben und die Deutsche Bank mit den Rothschilds in Verbindung zu bringen, um dann zu sagen: Auschwitz gab's, aber es wurde von Rothschild-Unternehmen IG Farben betrieben und von Rothschild-Bank Deutsche Bank finanziert: "Der Mord an den Juden war volle Absicht. Wieder werden zwei Völker gegeneinander gehetzt." Indem die Nazis also zum Produkt der Rothschilds gemacht werden, kann sich der sekundäre Antisemitismus als antifaschistisch vorstellen: "Wenn es inzwischen als normal angesehen wird, daß die deutschen Bürger an die Finanziers der Nazis, die ertappten Kriegstreiber, die Verwandten des Adolf Hitler und die KZ-Betreiber Steuern zahlen, dann lege ich Wert darauf, ein Verrückter oder Spinner zu sein..."

03072006480


Wirklich alles, was in Deutschland zwischen 1933 und 1945 getan wurde, wird in Barkas' Darstellung von Hitler selbst oder der SS im Auftrag der IG Farben getan, sogar das Betäubungsmittelgesetz. In dieser Leugnung anderer, nicht von der SS begangener Verbrechen außerhalb von Auschwitz liegt m.E. der gut getarnte Knackpunkt einer juristischen Angreifbarkeit dieses Buches.

Die Deutschen werden sämtlicher Verbrechen für unfähig befunden: "Die Angehörigen des germanischen Volksstammes sind im Wesen herzlich und liebenswert. Sie sind grundanständig und haben keinen Arg in sich... Deutsche kämen nie auf die Idee zu behaupten, sie haben eine wichtige Rolle auf dieser Welt zu spielen." Nachdem hier also eine Evidenz übergangen wird, die bis in die Nationalhymne reicht, wird den Deutschen als Stellvertretern fürs allgemein Menschliche die Kriegslust abgesprochen: "Über 42 massive Kapitulationsversuche von deutscher Seite wurden ignoriert", und an anderer Stelle: "Eigentlich haben die Menschen überhaupt keine Lust auf Krieg. Der alltägliche Kampf ums Dasein und diverse Krankheiten genügen vollauf." Oder: "Bei den Völkern und einfachen Individuen scheint die [Toleranz gegen Andersgläubige] meist kein Problem darzustellen..."

In dieser grotesken Verzerrung der Eigenwahrnehmung liegt wohl die Attraktivität von Elaboraten wie diesem begründet. Wie zuletzt bei Ahmadinedschad attestiert, bringt die Leugnung eigener Interessen und eigener Verbrechen die Projektion auf andere mit sich. Sonst würde auf die triviale Behauptung "Die Politiker und Führenden des Landes haben sich verkauft" die Frage danach folgen müssen, was alle anderen getan haben, und der auf das Dementi allgemeiner Kriegsbegeisterung folgende Satz "Einzig der Hunger nach noch mehr Reichtum und der unbedingte Wille zum Erhalt der Macht können als plausible Argumente für die unzähligen Mißstände in der Welt herhalten" würde auf alle Menschen bezogen werden müssen. Er zielt aber ausschließlich auf die Weltverschwörung.

Entsprechend wird nach der Umwertung von Auschwitz zu einem Rothschild-Unternehmen auch der gesamte Krieg in der Art von Mahler den Juden angelastet, dazu dient hauptsächlich das immer wieder gern kolportierte Zitat des großen Zionisten Jabotinsky von 1934: "Unsere jüdischen Interessen erfordern die endgültige Vernichtung Deutschlands." Im Originaltext geht der Satz allerdings noch weiter: "...das deutsche Volk samt und sonders ist eine Gefahr für uns, deshalb ist es unmöglich, zuzulassen, daß Deutschland unter der gegenwärtigen Regierung mächtig wird." Meist wird von Naziapologeten dieser zweite Teil weggelassen, da er deutlich macht, daß es um die deutsche Nation und nicht um die Gesamtheit der deutschen Bevölkerung geht. Das Jabotinsky von der nackten Angst vor den Deutschen und nicht von sinistrem Machtwillen zu dieser Aussage getrieben wurde, zeigt sich in einem anderen Zitat aus den Dreißigern: "Es gibt keine Zukunft in der Diaspora. Alle Juden werden dort vernichtet werden. Die sogenannten neuen Kräfte, die sich weltweit erheben, werden das jüdische Volk nicht retten. Die einzige sichere Zuflucht ist Eretz Israel, und wenn wir unser Volk retten wollen, müssen sie jetzt auswandern! Wenn wir die Diaspora nicht liquidieren, wird sie uns liquidieren!"

Die Deutschen gelten Barkas als Hauptopfer der Weltverschwörung, da sie besonders menschlich sein sollen. Das unterstreicht er mit Bezugnahmen auf Tolkiens "Herr der Ringe", dem er unterschiebt, den geheimen Plot bereits ausgeplaudert zu haben. Geld erscheint folgerichtig als "Ring sie zu knechten" und die Gegenidentifikation funktioniert so: "Und sind wir nicht alle tief in unseren Herzen Hobbits? ... Wir, die Menschen aus Mittelerde, sind die Weltmacht... Alle Völker werden sich uns anschließen." Das Programm dieses Zusammenschlusses ist die gruseligste Stelle des ganzen Buches, da hier sichtbar wird, wie massenkompatibel der Wahn daherkommt: "Befreien wir uns von den Maden, die dem falschen Gott gehorchen. Überlassen wir sie dem Schicksal, das, den unguten Taten angemessen, durchaus wie in der Bibel geschrieben aussehen könnte: 'So jemand das Tier anbetet und sein Bild, der wird gequälet werden, mit Feuer und mit Schwefel, vor den heiligen Engeln. Und der Rauch ihrer Qualen wird aufsteigen von Ewigkeit zu Ewigkeit.' ... Die große Stadt wird fallen. Und das ist Jerusalem. Angeführt von den Germanen des Jesus Christus werden die Völker der Erde in Jerusalem den Rothschilds und Konsorten das Zepter der Macht aus der Hand nehmen und die Herrschaft der Menschen beginnt..."

Die folgende Schilderung der nun verbesserten, von den Un- oder Untermenschen gereinigten Welt macht jedoch wieder stutzig, denn es liest sich wie eine Hippieutopie: "Dann steigt die größte Fete aller Zeiten. Ausgelassene, gesunde Menschen, friedlich vereint. Alte, junge, hübsche und weniger hübsche wie ich, nette und vielleicht auch Morgenmuffel, es sind alle dabei. Sie haben unterschiedliche Hautfarben, verschiedene Ansichten und sind Individuen mit unterschiedlichem Geschmack. Wie schön und bunt wird unsere Welt." Wenig nationalsozialistisch lesen sich auch andere Sätze wie: "Für die Unsterblichkeit der Liebe, mit dem Schwert der Wahrheit, dem Worte."

Die Frage drängt sich auf, inwieweit der Autor zu denjenigen gehört, die noch vor wenigen Jahren solche Theorien und vor allem ihren antisemitischen Subtext ehrlich von sich gewiesen haben und nun nach 9/11 mittels der neuen großen Verschwörungserzählungen bereit sind, immer mehr immer Unappetitlicheres auch aus offenkundigen Naziquellen als richtig und wichtig zu akzeptieren. Dieser Prozeß hatte selbstverständlich schon früher eingesetzt, da nazikompatible Auffassungen in den meisten Öko-Zusammenhängen präsent waren, nur schreckte die offene Verbindung zu Nazis noch in den Neunzigern eher ab, wie das Beispiel des von Barkas als "Pionier schlichtweg" und "Meister der Aufklärung" apostrophierten Jan van Helsing zeigt:

Die beiden Bücher wurden in Deutschland nach einem Beschlagnahmebeschluß des Amtsgerichts Mannheim wegen Volksverhetzung vom Markt genommen. In der Folge wurden die Machwerke Holeys im Licht der Öffentlichkeit heftig kritisiert, sodaß sogar die Zeitschrift Esotera, die diese Pamphlete vorher monatelang werbewirksam auf Spitzenplätzen ihrer Bestsellerliste bejubelt hatte, sich plötzlich mit bemerkenswertem Eifer davon distanzierte. Laut Holeys Angaben wurde der erste Band im deutschsprachigen Raum vor seinem Verbot durch die Werbung in Esotera über 100.000-mal verkauft; andere Quellen gehen allerdings von ca. 10.000 Exemplaren aus. Der Autor benutzte dann in folgenden Veröffentlichungen das Verbot selbst als Thema, um sich bzw. seine "Theorie" wiederum als Verschwörungsopfer darzustellen. (Wikipedia)

Das in Barkas' Buch zu besichtigende Verhältnis zur verschwörungsfanatischen und antisemitischen Gemeinde ist ein anderes. Gerade die beständige Verwendung unverdauter Informationen aus zweiter Hand, die der "Beweisführung" überhaupt nicht dienlich sind und nach taktischen Gesichtspunkten höchst ungeschickt ausgewählt und plaziert werden (Helmut Kohl heißt in Wahrheit Henoch Kohn, "In Amerika, dem Mutterland der Demokratie, gibt es keine echten Demonstrationen mehr") wie auch die kaum reflektiert erscheinende Benutzung übelster Nazifloskeln ("Immer ganz hinten schimmert die gleiche Nase durch", "Die dunklen Gegenspielern der überfälligen Machtergreifung...") und schließlich die dilettantische Konstruktion von Synchronizitäten (Mayer Anselm Rothschild geb. 23.2.1743 - Bush in Mainz 23.2.2005) machen die Entscheidung schwer, was hiervon Überzeugung ist und was nur Gepäck. Sogar die goldene Regel konsistenter Global-Verschwörungstheorien, nach der nichts von Bedeutung außerhalb des Planes stehen darf, handelt der Auto zuwider, wenn er Paul C. Martins Geldtheorie mit dem Satz resümiert: "Der unweigerliche Abbau der Arbeitsplätze liegt in der Sache begründet, nicht in irgendwelchen Personen. Die alleinige Schuld trägt der Mechanismus Zinseszins."

Auch die Selbstdarstellung der betriebenen Recherche deutet darauf hin, daß hier nicht der freidrehende halb-kriminalistische und halb-journalistische Anspruch vieler "origineller" Verschwörungstheoretiker am Werk ist, sondern eher eine gefällige und unverstandene Kompilation: "...ich habe ungefähr siebzig Bücher ausgequetscht. Offen für alle angebotenen Wissensbrocken.." Der Leser wird zu ähnlich flüchtiger Kenntnisnahme ermutigt: "Ein Indizienhaufen türmt sich vor uns auf... Hören Sie weder auf mich noch auf irgendjemand anderen, ergründen Sie nur Ihr Gefühl... Im Grunde Ihres Herzens waren Ihnen die gezogenen Schlußfolgerungen wahrscheinlich vertraut. Denn unser Unterbewußtsein weiß das alles. ... Wer hier noch am Lesen ist, der dürfte offen sein für alles..." Die kritische Intelligenz wird hingegen mit absurden Anwürfen konfrontiert: "Wem bei soviel Unrecht keine Emotionen kommen, der fühlt nicht, er denkt. Die Gefühle zeichnen uns als Menschen aus, nicht der Verstand." Denken ist allemal überflüssig, wenn der Wahrheitsfetisch seine Wunder vollbringt: "Die Verbreitung der Wahrheit ist übrigens ein uns ureigenes, unumstößliches Grundrecht. Die Wahrheit ist immer erlaubt. Wir haben das nur vergessen. Die Verbreitung von Lügen gehört dagegen verboten. Und zwar sofort."

Folgerichtig werde ich aus dem Buch heraus als Entschwörungstheoretiker direkt angegriffen: "Wer im Zusammenhang mit der Sprengung des World Trade Centers immer noch von Verschwörungstheorie spricht, ist entweder ein unwissender Dummkopf oder ein Verbrecher... Diese Herrschaften lügen schon, bevor sie den Mund aufmachen... Der Lüge Verschwörungstheorie wurde der Garaus gemacht, so endet die Verschleierung der Wahrheit... Horst Mahler wurde der Prozeß gemacht, weil er geäußert hatte, daß die Türme gesprengt wurden." (Hier im Schnelldurchlauf Barkas' Top 29 Gründe, warum 9/11 selbstgemacht war - er gibt selbst zu, daß es alles nur Indizien und Unwahrscheinlichkeiten sind und schient darauf zu Vertrauen, daß 29 Indizien zu einem Beweis werden: 1. David Rockefeller ließ WTC bauen, 2. wg. Asbest hätte fachgerechte Sprengung 40 Mrd. $ gekostet, 3. Larry Silverstein pachtet die Türme 2001 für 99 Jahre, 4. versichert sie im August, 5. 64t Brennstoff für 370000t Turmgewicht, 6. Kerosin verbrennt bei 850°, Stahl schmilzt im Hochofen bei 1600°, es wurde geschmolzener Stahl gefunden, 7. Fassadenlöcher kleiner als Umrisse der Flugzeuge, 8. trotz Peilsender nur 1 von 8 Black Boxes gefunden worden, 9. wenige cm große Leichenteile, aber komplette Pässe, 10. Maschine ohne Radar von Boston nach NY geht nicht, 11. Aufprall Südturm keine Trümmerteile zu sehen, 12. symmetrischer Kollpas <-> assymetrische Einschläge, 13. rechte Turbine hätte durch Südturm durchschlagen müssen, 14. Südturmaufnahmen 25 Bilder pro Sekunde, 15. Aufnahmen ohne Flugzeug und entsprechende Zeugen ignoriert, 16. offizielle Augenzeugen können bei 200 mps nichts gesehen haben außer unbemannte Flugzeugdrohnen, 17. CNN, ABC, NBC, CBS, FED, K300, 18. 15m tiefer Keller noch geschmolzener Stahl, auch in WTC7, wo belastende Akten gegen Bush lagerten, 19./20. zwei Erdbeben 2.1 und 2.3 um 9:59 und 10:28 (jeweils vor Aufprall der Trümmer) entsprechen Sprengung mit 80000 Pfund Ammoniumnitrat, 21. keine Untersuchung auf Explosionsspuren am Stahl, Controlled Demolition verkauft Stahl nach Asien, 22. Noflyzone ums Pentagon, zu kleines Einschlagsloch, Laternen bleiben stehen, keine Trümmer, 23. Pittsburgh zu kleines Trümmerfeld, 24. Morgan Stanley & Oppenheim Stocks sagten Mitarbeitern, sie sollen zu Hause bleiben, 25. Mark Loiseaux, Chef von Controlled Demolition: sollte WTC verminen, um bei Einsturzgefahr sprengen zu können, 26. Bush sagte 4.12.01, er hätte morgens Bilder vom 1. Flugzeug gesehen, 27. 2 Feuerwehrleute seelenruhig in der Nähe, 28. Rockefeller: Wir brauchen Krise; 11.9.1990 verkündet Bush sen. Neue Weltordnung, 29. Bordcomputer kann nicht abgeschaltet werden, verhindert überstürzten Sinkflug.)

Vorläufig würde ich also davon ausgehen, daß aufbauend auf van Helsing die 9/11-Theorien als Türöffner für Nazipropaganda in vorher von ihr bestenfalls unterschwellig erreichte Kreise funktioniert haben, daß vorher schon problematische Ideologeme unter Ökos, Hippies oder Linken wie der Anti-Intellektualismus, die Volkstümelei, der Gesundheitsfetisch und der Antimodernismus Schnittstellen an einem nun recht umfangreichen Wahngebilde darstellen, das nun weite Teile der Welt zum Freund erklärt und ein entmenschtes, diabolisiertes, pathologisiertes Anderes im antisemitisch vorgestellten Juden ausmacht. Dessen Vernichtung ist das anonyme Werk von Gottesgehilfen, im Sinne der aktuellen Arbeitsteilung möchten sich die Verschwörungs-Konvertiten selbst ihre zu Gewalthandlungen völlig unfähigen Hände nicht besudeln und lassen es andere machen. Um diese Allianz aus Pazifisten und Massenmördern anzugreifen, muß der Fokus auf ihrem ideologischen Scharnier liegen, auf der harmonischen Vorstellung des Eigenen, auf der Gemeinschaftsideologie und der vermeintlich sich einstellenden Regenbogenwelt nach der Vernichtung der "Maden".

Noch konnte ich meine Bekannte damit von der Konversion abhalten, indem ich sie auf die Naziverbindungen hinwies und ihr erklärte, daß es bequemer ist, kleine Gruppen verantwortlich zu machen, statt die wirklich furchtbare Wahrheit zu akzeptieren, daß Kapitalismus etwas ist, das alle mit allen machen. Das Pärchen, über das Barkas' Machwerk kursierte und mittlerweile schon wieder anderswohin kursiert, war da schon einen Schritt weiter, wie es in einer größeren Runde zwei Abende später vorführte. Während die Frau offenkundig Bauchschmerzen gerade mit den antijüdischen Elementen hatte, regte sich der Mann, ein Spediteur und Reeder, darüber auf, bei politischen Veranstaltungen im Fernsehen immer einen "Scheißjuden da sitzen" zu sehen. So klingt das also, wenn der Verfassungsschutz weit genug weg ist.

Er bestand auf einem Schlußstrich und auf der Einstellung der "enormen Zahlungen an Israel". Ich fragte, um wieviel Geld es denn ginge. Er behauptete, es wären 200 Millionen Euro pro Jahr. Ich fragte, wieviel das geteilt durch die Bevölkerung Deutschlands ergeben würde. Er schwieg und ich fragte nach, ob 2 Euro 50 nicht eine angemessene Spende zur Verteidigung Israels gegen die Antisemiten wären. Das schien ihn nicht zu überzeugen, brachte ihn aber eine Weile zum Verstummen.
11.7.06 15:15


Sie wollen doch nicht, daß Ihrem Markt etwas zustößt

Der 'Spiegel' spiegelt einen Text von Alois Weber aus der 'Gazette' mit der unfaßbaren Neuigkeit, daß der Markt zur Weltreligion geworden ist:

"Der Markt herrscht, ist unergründlich, und keiner kann ihn verleugnen. Im Markt zu bestehen wird zum Sinn des Lebens."

Das liest sich über weite Strecken ganz lustig, so als hätte jemand Marxens "Fetischcharakter der Ware" für deutsche Bildungsspießer übersetzt, wenn nicht gegen Ende immer mehr darauf herumgeritten werden würde, daß es ja eine intolerante Religion ist, gegen die es wiederum religiöser Auflehnung bedarf:

"Wer verbreitet Angst und Schrecken bei den Anhängern der Marktreligion im Namen einer anderen Religion? ... Da gibt es Menschen, die sich opfern, weil sie an etwas völlig anderes glauben; die zu sterben bereit sind und im Versprechen auf ein Himmelreich selbst zur Waffe werden, um andere, möglichst viele, mit in den Tod zu reißen...

Sie testen unseren Glauben, sie erproben die Anfälligkeit unseres Glaubens, des Glaubens an die Ware, den Preis, den Konsum, an Angebot und Nachfrage, kurz: an den Markt. Haben wir etwas entgegenzusetzen? Unser Gott, dieser Markt, ist anfällig. Seine Erprobung durch Anschläge und Terror bringt etwas Schreckliches zu Tage, nicht nur die unschuldigen Toten: seine Anfälligkeit, seine mögliche Unbeständigkeit...

Welcher Gott wird sich am Ende als der Stärkere erweisen? Da gab es schon einmal ein Zeitalter der Glaubenskriege. Das haben wir in Europa bereits durchgemacht. Vielleicht ein Drittel der Bevölkerung hat es gekostet. Am Ende all der Bürgerkriege stand der absolute monarchische Staat. Da musste sich eine Staatsgewalt herausbilden, um all die streitenden Parteien niederzuhalten.

Was wird in hundert Jahren sein? Der absolute Weltstaat? Eine Macht, die uns zusammenzwingt, damit wir uns nicht gegenseitig vernichten."


So bleibt denn als Fazit auch die Einsicht ins Appeasement als Überlebensstrategie:

"Der neue Gott Markt ist möglicherweise sterblich. Oder er schrumpft auf ein Maß, mit dem mehrere Religionen leben können."
9.7.06 19:01


Deutschland - Italien

Das Vorfinalaus für Deutschland, uns bekanntgegeben von Heerscharen hupender Vespas am Notting Hill Gate, kam zeitgleich mit dem Versiegen der kostenlosen Übernachtungsmöglichkeiten in London. Wir fuhren also zum Abschluß mit Dockland-Bahn durch die aus der Nähe sehr spacige Geschäftsstadt im Hafen nach Lewisham, wo die A20 Richtung Dover beginnt.

Die Idee war grundsätzlich nicht verkehrt, da schon zahlreiche potentielle Kanalüberquerer, vor allem polnische Reisebusse zu sehen waren. Die Straße ist jedoch an diesem Punkt noch recht schmal und mit Baustellen und Bus Stops übersät. Wir mußten ein Stück laufen, bis wir eine Tankstelle fanden, an der wir dennoch als exotische Attraktion inmitten des Fußgängerstroms standen.

hitchhiking way out of london


Trotz der nicht abreißenden Versicherungen der Vorbeilaufenden, daß wir dort niemals wegkommen würden, dauerte es gerade mal eine Viertelstunde, bis eine auch für Londoner Verhältnisse ausgesucht freundliche Frau anhielt, die mit ihrer Tochter auf dem Weg über die M2 Richtung Canterbury fuhr.

Sie versicherte uns, daß nicht nur die M20 nach Dover führt und wir an beiden Autobahnen besser stehen würden als dort in der Stadt. Obwohl wir gar nicht lange mit ihr fuhren, nutzte sie die Zeit, um lauter Sachen zu sagen, die wir auf die Reise mitnehmen könnten. Das machte sie nicht mit diesem Vorsatz, aber ihre Ausführungen über die britische Sonderstellung qua Insellage, die Wichtigkeit der Debatte und den deutschen Untertanengeist begleiteten uns noch eine Weile.

Auch der nächste Fahrer, ein Italobrite im Lieferwagen, war sehr freundlich, wenngleich es ihn beim Thema "arbeiten müssen fürs Geld" etwas raustrug. Er brachte uns zurück an die M2, an eine Kreisverkehr-Auffahrt mit Raststätte, noch etwa 40 Meilen vor Dover.

06072006538


Hier wurde es etwas knifflig, da die Ausfahrt aus dem Kreisverkehr sehr zügig befahren wurde, worauf wir von der Autobahnpolizei auch hingewiesen wurden. Unüblicherweise gab uns der Polizist jedoch eine Viertelstunde, um dort wegzukommen, erst danach wollte er darauf bestehen, daß wir uns zur Raststätte begeben.

Das taten wir dann von ganz allein, da die für uns interessanten Autos ohnehin fast ausschließlich von dort kamen. Wir schafften es nicht jemanden zu finden, der uns mit über den Kanal nehmen konnte oder wollte, nur ein Belgier ließ uns ins Auto, wußte aber nicht, daß er durch den Tunnel niemanden mitnehmen darf.

Also reduzierten wir unsere Ambitionen auf einen Lift nach Dover und ein Fußgängetticket für die Fähre. Als dann doch ein zum Wohnmobil umgebauter VW-Transporter mit Siegener Kennzeichen vorbeifuhr und auf meinen Ausruf "Siegen" hin anhielt, waren wir kurz euphorisch.

Es stellte sich jedoch heraus, daß das Pärchen nur bis Calais fahren wollte und noch etwas später, als nach über einer Woche Sonne und Hitze dichter Nebel aufzog, daß es sich bei den beiden um deutsche Würstchen handelte, die uns erst auf dem Parkplatz neben ihrer Reiseagentur noch vor Dover offenbarten, daß sie ein auf sie beide festgelegtes Ticket für nach 23 Uhr hätten.

Leicht frustriert liefen in Richtung Fährhafen los, stellten uns aber noch einmal an eine Bushaltestelle direkt neben die überwiegend aus LKWs bestehende Blechlawine. Aus der zweiten Ampelphase hielt ein PKW mit einem eloquenten Kosmopoliten, der aus Belgien stammend nun in Frankreich wohnte, lange Zeit in London und in Köln gewohnt hatte und auf dem Weg zur Speed Ferry nach Boulogne war.

Er erzählte uns, wie er als Entschädigung für den freiwilligen Verzicht auf einen Platz in einem überbuchten Flugzeug in den Besitz eines weltweiten Jahrestickets von US Airways gelangt war und bewies seine Überredungskünste gleich noch mal praktisch, als er mittels eines Gesprächs über den Nebel uns beide kostenlos an der Ticketkontrolle vorbei auf die Fähre schleuste.

In der Warteschlange hatte die ganze Zeit schon ein Golf mit LDS-Kennzeichen gestanden, allerdings waren wir unsicher, ob wir wirklich mit einem Deutschen bis nach Hause fahren wollten. Auf der Fähre sprachen wir ihn dennoch an, er fuhr nach Sonneberg in Thüringen und verstaute uns - nach einer sicherlich verdächtig wirkenden Umbauaktion im Dunkel an einem Kreisverkehr außerhalb von Boulogne nachts um eins - in seinem Auto zwischen größeren Teilen seines Umzugs von Chichester nach Rosenheim.

Er arbeitete im Rahmen seiner Ausbildung bei Rolls Royce und war auf dem Weg zu den Eltern eines Studienkollegen, die in Sonneberg eine Holzfirma betreiben, um dort den Schlüssel für seine Wohnung in Rosenheim abzuholen.

Die Fahrt wurde trotz der netten Beschallung und der überwiegend entspannten Gespräche immer länger, da der noch sehr junge Fahrer etwas unterschätzt hatte, wieviel Schlaf er auf der Strecke brauchen würde. Die ersten beiden Päuschen waren noch nicht länger als eine halbe Stunde, dann fuhr er aber fast an jeder Tankstelle ran und schlief schließlich auf einem Parkplatz irgendwo zwischen Köln und Frankfurt bis zehn Uhr morgens.

So kam es, daß wir erst nach Mittag in Sonneberg eintrafen. Wir waren noch zusätzlich vom einsetzenden Wolkenbruch, Fahrschulenautos und Baustellenampeln aufgehalten worden, bekamen nun aber zur Belohnung von der im tiefsten Dialekt sprechenden Mutter des Studienkollegen pro Nase zwei Sonneberger Bratwürste vorgesetzt.

Wir erfuhren einiges übers Kleingewerbe früher und heute, dann wurden wir endlich zur geliebten A9 gebracht und standen gegen vier Uhr nachmittags in Pegnitz.



Mit einem Magdeburger kamen wir nach einiger Wartezeit bis nach Osterfeld (ich schlief endlich auch mal etwas). Dort waren untypisch wenige Berliner am Start, erst nach fast einer Stunde fanden wir einen Libanesen auf dem Weg nach Neukölln. Er hatte recht türkische und arabische Musik mit recht schmissigen Beats dabei und erzählte, daß er daheim auf dem Dach mit Blick aufs Mittelmeer schlafen könnte, obgleich die Mücken auch ihm den Spaß zuweilen verderben.
9.7.06 15:18


Deutschland - Argentinien

Nach meiner schnipsgummiartigen Flucht aus Spanien legte ich zum Ausgleich einen denkwürdig miesen Tramptag hin. Zunächst lag das einfach daran, daß ich es nicht mehr besonders eilig hatte und den Rasthof, an dem ich abgesetzt worden war, ausgiebig zum Essen und Herumlungern nutzte. Außerdem war ich wohl doch noch etwas zu weit vom Kanal entfernt, um mit meinem 'London'-Schild etwas reißen zu können.

Jedenfalls war es schon nachmittag, als ich von einem schon etwas älteren Australier und seinem Teenie-Sohn in ihrem langsamen Wohnwagen zumindest bis zur letzten Mautstelle vor Calais mitgenommen wurde. Sie waren zur WM in Deutschland gewesen und befanden sich nach dem unglücklichen Ausscheiden des australischen Teams gegen Italien auf der Rückreise via England. Allerdings wollten sie erst am nächsten Tag mit der Schnellfähre von Boulogne fahren und bis dahin noch die WM im Fernsehen verfolgen.

Der Vater erzählte, daß er noch als kleiner Junge in England in seiner jüdischen Familie aufgewachsen sei, die jedoch während des 'Blitz' nach Australien auswanderte. Erzeigte sich besorgt über das, was er in Deutschland an Nationalismus und Geschichtsverdrehung mitbekommen hatte. Offenbar hatte er die Diskussion nicht gescheut und damit auch das ganze Programm mitbekommen: es müsse ja mal Schluß sein, die Juden würden immer noch das große Geld machen und die Medien kontrollieren, die Deutschen würden sich endlich nichts mehr sagen lassen und durch die WM ja nun auch wieder populär genug sein dafür.

Er schilderte seine Ambivalenz bei der Reiseplanung in Deutschland, da er einerseits eine KZ-Gedenkstätte besuchen wollte, sich andererseits aber vor der Konfrontation fürchtete. Er warf die Frage auf, ob die beständige Erinnerung an den Holocaust nicht wirklich zu heftig sein könnte. Ich sagte, daß ich verstehen könnte, wenn er nicht mehr daran erinnert werden mag, daß das aber offenbar auch auf anderen Wegen geschieht. Die Antisemiten sollten jedoch nicht in dem Glauben gelassen werden, ihre Taten seien vergessen. Nicht umsonst streiten sie genau dafür. Das Gespräch endete vorzeitig, als ich an der peage abgesetzt wurde.

Optimale Stelle - ich nahm mir vor, bei niemandem einzusteigen, der nicht bis nach London fahren würde. Nach kurzer Zeit hielt ein litauischer LKW an, ich fragte, ob es nach London ginge, der Fahrer sagte ja und fuhr mich tatsächlich zur Einfahrt des Chunnels, wo er mich mit der Begründung rausließ, daß er aber niemanden mit hindurchnehmen dürfe.

Was ja auch sonst niemand darf, weshalb ich sehr sauer wurde und auf dem gesamten mehrstündigen Fußweg zur Autofähre wild vor mich hinfluchte.

Als ich am Fährhafen ankam, unternahm ich noch ein paar halbherzige Versuche, einen Lift zu bekommen, kaufte mir aber schließlich ein Foot passenger's ticket für 25€ und wurde beim Verlassen der Verkaufsstelle von zwei jungen Walisern gefragt, ob ich einen Lift bräuchte.

27062006446


Damage done, aber sie nahmen mich nach einer entspannten Überfahrt mit englischen Zeitungen und gutem Kaffee mit zur M25 (dem Londoner 'Donut'). Sie kamen von einer Europa-Rundreise und ließen The Lockup auf BBC Radio One laufen, wo allerlei Neues (z.B. Sonic Boom 6) und Älteres (wie etwa Snapcase) zu hören war.

Ich fühlte mich wieder wie zu Hause - keine Mücken, stattdessen Menschen, die mich verstehen und anständige Musik.
30.6.06 19:06


Brasilien - Ghana

Die Aufgabe: trotz der bekannten Inkompatibilität von Spanien und Trampen von Valencia nach London zu kommen. Vermutete Reisedauer: wenigstens zwei Tage in Spanien, danach ein bis zwei Tage für den Rest der Strecke.

Ich knobelte also einen möglichst guenstigen Startpunkt aus - die Raststätte Sagunt auf der A7 nördlich von Valencia - und nutzte die Kombination aus billigem Vorortzug und Google Map auf dem Handy, um dorthin zu gelangen, zum Schluß eine Stunde zu Fuß durch eine Orangenplantage.

26062006437


Die Hoffnung, mich mit diesem Rasthof bereits ans nichtspanische Publikum richten zu können, erwies sich als falsch. Zwar fuhren hin und wieder italienische, deutsche oder französische Autos vorbei, sie waren jedoch gering an Zahl und ausnahmslos vollgepackt. In vier Stunden hielten zwei Spanier, die beide nur wenige Kilometer weiter fuhren, und auch dann wurde es weird.

PKW mit Tarragona-Kennzeichen hält, Scheibe geht runter. Der Fahrer in moslemischem Gewand bemerkt an meinem wiederholten "Barcelona", daß ich wohl kein Spanisch spreche und fragt mich: "What is your problem?"

Ich antworte: "No problem, autostop." Irgendwie scheint ihm das Ganze nicht geheuer zu sein und auch überhaupt nicht vertraut, doch er nimmt mich mit. An der nächsten Abfahrt fährt er auf die Nationalstraße, die ich aus Gründen der Zeitersparnis hatte vermeiden wollen, und bringt mich innerhalb von vier langen Stunden bis kurz vor Tarragona. Er ist sehr lustig, aber auch etwas merkwürdig. Ständig macht er Geräusche beim Fahren und singt. Als ich ihn zu fragen versuche, ob sein Zielort vor oder nach Tarragona liegt, wiederholt er beide Ortsnamen über sicher eine Viertelstunde hinweg abwechselnd in Singsang.

Trotzdem schaffen wir es, uns zu unterhalten. Er stammt aus Pakistan, fährt seit fünf Jahren in Spanien Linien-LKW und hat einen Neffen in England (seine Suche nach dem genauen Ortsnamen ist wiederum eine Viertelstunde Singsang), der dort seit 15 Jahren als Computertechniker arbeitet. Jetzt ist er auf dem Weg zu seinem Bruder, mit dem er für drei Monate nach Pakistan fahren will. Deshalb tritt er immer, wenn mal gerade kein Stau ist, ordentlich drauf und singt bei den gewagtesten Ueberholmanövern besonders inbrünstig. Ich muß an die Nonne in den Filmen mit Louis de Funes denken.

Der Abwurf an einem Riesen-Vierspur-Betonkreuz, das nichtmals direkt auf die Autobahn führt, läßt jede Hoffnung auf schnelles Verlassen von Spanien schwinden. Ich laufe inmitten von hoppelnden Hasen durch eine Baustellen-Kraterlandschaft zur Zahlstelle an der Auffahrt, wo mich überraschenderweise (dieses Wort müßte in der Trampersprache, wenn es eine gäbe, Dutzende von Synonymen haben) augenblicklich ein älterer Herr aus Barcelona vor der Nacht im Nichts rettet und sogar in Aussicht stellt, mich noch zu einer zumindest grenzwertigen Uhrzeit an der Umgehungsautobahn um Barcelona abzusetzen.

Er kann Englisch, weil er es auffrischen mußte, um seine Tochter an der Business School in Leeds unterzubringen, wo sie gerade ihren Ph.D. gemacht hat. Eigentlich sein Leben lang Chemiker (unter anderem fuer Henkel in Deutschland), hatte er in den Sechzigern für sein Philosophiestudium eine Tramp-Feldforschung angestellt. Tagelang war er dieselbe Autobahnstrecke getrampt und hatte die Fahrer mit Fragen bezüglich ihres Glaubens konfrontiert, da ihn interessiert hatte, wie der Faschismus auf die Glaubensvorstellungen wirkte. Leider waren die Leute nicht sehr offen, was mich zu der nun natürlich viel zu spaeten Bemerkung veranlaßt, daß innerhalb von vierzig Kilometern selten solch ein Gespräch zustandekommt, nach zwei- oder dreihundert aber unabhängig vom Regierungssystem von ganz allein.

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Ich stand also noch vor Mitternacht an einem großen Rasthof bei Barcelona und entspannte mich. Gern wollte ich noch ein paar Minuten versuchen, ob ich vielleicht doch noch aus Spanien herauskommen wuerde. Ich trank einen Kaffee im Hotelrestaurant, dass anstelle einer Raststätte geoeffnet hatte, und stellte fest, daß die spanischen Kartoffelchips wirklich so gut sind, daß sie in einem Etablissement wie diesem problemlos angeboten werden können.

Es war schon dunkel, als ich auf der Suche nach einer günstigen Stelle an den parkenden LKWs vorbeilief. Obgleich auf der Autobahn noch viel los war, war der Rasthof relativ ausgestorben. Ich dachte darüber nach, mich direkt an die Fahrbahn zu stellen und verbrachte sicher eine Stunde mit dem von vorbeifahrender Polizei unterbrochenen Versuch, durch all die Zubringer und Verteilerspuren dorthin zu gelangen.

Irgendwann gab ich auf und ging zurück zum Rasthof, um an einer unbemerkten Stelle meinen Schlafsack auszurollen - was ich bisher auf dieser Tour noch nirgendwo getan habe.

Wirklich und echt das letzte Auto, das ich vorm Hinlegen noch anhalten wollte, das ich außerdem an einer dunklen Stelle des Rasthofs anzuhalten versuchte, hielt an. Der Fahrer versteht mich, als ich sage "Je vais a la France", und sagt: "I go to Holland."

Ich kann mein Glück überhaupt nicht fassen und wir lachen die erste Stunde der Fahrt die ganze Zeit. Er stammt aus Rumänien, lebt in Barcelona, will jetzt einen Freund aus Den Haag abholen. Er hat nicht vor zu schlafen und deutet an, daß er Koks oder Speed genommen hat. Also kloppt er die Nacht durch, schon bald erreichen wir den Ortsausgang von Antitrampistan.

27062006439


Er will mich zwar nicht schlafen lassen und fährt, wann immer ich einnicke sofort ran und kauft mir allerlei Koffein- und Zuckerhaltiges, als ich irgendwann gegen fünf bei Lyon einschlafe, läßt er mich aber. Als ich zwei Stunden später wieder aufwache, darf ich sogar die Navigation übernehmen und damit meine Ausgangsposition für den Sprung über den Kanal noch weiter optimieren. Schließlich läßt er mich gegen zehn Uhr nach Debatten über europäische Sprachen, Drogen, Sex in verschiedenen Ländern, Angeln und Geschichte - er streitet erbittert mit mir, daß Troia in Griechenland liegt - an einem malerischen französischen Tramperparadies 150 Kilometer vor Calais raus.

27062006442


Ich habe das Gefühl, nach dieser Teleportierung unter Jetlag zu leiden - allein der Temperatursturz von 30 Grad nachts in Barcelona auf 15 mittags in Nordfrankreich - und denke: Oh, mein Gott, ich brauche 3-Wetter-Taft!
28.6.06 18:32


Madrid Atocha again

Nachdem es mir auf der Hinfahrt innerhalb von drei Stunden nicht gelungen war, irgend einen Hinweis oder eine Auskunft zur Anschlagsserie vom 11.3.2004 zu bekommen, erwischte ich diesmal in einer Touristeninformation eine Frau, die mir zweierlei sagen konnte: es gäbe ein Computerterminal, an dem man eine Nachricht hinterlassen könnte und es würde ein 'big national monument' bereits gebaut werden - ich ahne Schreckliches...

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Das Computerterminal befindet sich in einer abgelegenen Ecke mit Fensterblick auf eine große Baustelle. Im Verlaufe einer halben Stunde zählte ich drei Besucher. Es gibt zwei Eingabetastaturen, in die ich jeweils dasselbe schrieb wie auf eine der drei dazwischen baumelnden Papiersäulen, auf denen sonst nur Aznar als Mörder und Hurensohn beschimpft oder immer wieder Frieden geblökt wurde: Ihr habt euch von den Terroristen erpressen lassen und sie eingeladen, es ein Jahr später in London noch mal zu versuchen.

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26.6.06 11:22


Spanien - Saudi-Arabien

Die gleiche Stelle, von der aus ich auf der Hintour auch morgens im Berufsverkehr von Setubal in Richtung Algarve gut losgekommen war, erwies ich nun auf dem Weg nach Spanien als schlechter Startpunkt, da offenbar später am Tag beständig Autos dort parken, wo ich mich hinstellen wollte.

23062006371


Also nahm ich doch gleich die Ausfallstraße zur Autobahn, die schon in der Stadt sechsspurig von einer vielbefahrenen Kreuzung abgeht. Es dauerte also etwas, bis ich mitgenommen wurde, dann waren es jedoch zwei politisch engagierte junge Kerle aus Elvas, von denen der eine mein Melt-Banana-T-Shirt goutierte und der andere eben in Elvas einen Gerichtstermin hatte, zu dem er unbedingt total bekifft erscheinen mußte; danach jedoch wollten sie noch über die Grenze nach Badajoz fahren.

Wir hatten ein relativ konstruktives Gespräch über Israel. Es stellte sich heraus, daß ihnen selbst allerlei Zweifel an der traditionslinken Position zum Thema gekommen waren und sie deshalb auch auf anderslautende Argumente neugierig waren. Während des Gerichtstermins trank ich in einer Bar einen galao und ertappte mich dabei, wie ich für das gerade gegen Saudi-Arabien spielende spanische Fußballteam war, weil ich hoffte, daß nach günstigem Ausgang die Mitnahmebereitschaft vielleicht wenigstens etwas günstiger sein würde als bisher.

Der Fahrer berichtete mir - ich gab mich mal wieder als Brite aus - von seinen Erlebnissen mit Nazis in potsdam, die ihn dazu bewogen hatten, in Zukunft lieber einen Bogen um Deutschland zu machen. Die beiden setzten mich gegen 20 Uhr an einer ausgesucht guten und von ihnen bereits wiederholt erfolgreich benutzten Stelle ab, an der die Nationalstraße und die Autobahn von Badajoz nach Madrid zusammenlaufen. Ich war bekifft und stellte mir vor, wie Melt Banana "I gotta pee" und "See her pee" von Nofx covern und dazu ein pornographisches Video drehen.

Nach gerade einer halben Stunde hielt ein Spanier an - für mich mittlerweile ein Ereignis. Er erwies sich denn auch als recht untypisch, da er bereits viele Jahre im Ausland verbracht hatte, besonders in Holland, und viele Freunde von ihm in London arbeiten. Selbst arbeitete er beim Fernsehen und berichtete im Sommer von Rockfestivals in ganz Europa. Sein Autoradio spielte Temple Of The Dog, wovon besonders "I'm growin' hungry" meine breite Stimmung traf. Die Temperatur stieg trotz der späten Abendstunde noch mal von 35 auf 37 Grad.

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Nach langer Suche setzte er mich mehr als 70 Kilometer nach seiner Zielausfahrt an der ersten autobahnnahen Tankstelle südlich von Trujillo ab, auf dem Bild ist er wegfahrend zu sehen. Trotz der guten Intention war der Platz aber blöd - kaum Verkehr, dafür Polizei, die mich gleich darüber aufklären mußte, daß ich nicht auf der Autobahn herumlaufen sollte, dazu furchtbar eklige Insekten, die zwischen fünf und zehn Zentimeter groß waren und wie ungewöhnlich dicke Heuschrecken in Eiter- und Kotzfarben aussahen. Sie sprangen in Gruppen zu mehr als zehn wild in der Gegend herum.

23062006373


In Verbindung mit meinem Geisteszustand wuchsen sie sich zu einer erheblichen Einschränkung meines Wohlbefindens aus, so daß ich entgegen der nicht nett vorgetragenen wiederholten Aufforderung der Guardia Civil, nicht auf die Autobahn zu laufen, auf die Autobahn lief. Ich hatte sie fast erreicht, als zwischen mir und der ersten von der Fahrbahn gut einsehbaren Stelle ein Cluster von etwa zwanzig der ekligen Insekten um zwei überfahrene Exemplare herumsprang. Ich brachte es nicht fertig, mit meinen Sandalen durch dieses Gewusel zu laufen und brach in Zuckungen aus.

In diesem Moment jedoch hielt Pablo, der mich einfach von der Autobahn aus an der Ausfahrt hatte stehen sehen, auf dem Standstreifen an und hupte. Ich faßte mir ein Herz und rannte durch die Bugs hindurch. Belohnt wurde ich mit einem Ride bis 100 Kilometer vor Madrid - auch das trug aber nur mäßig zur tramptechnischen Rehabilitierung Spaniens bei, da Pablo die letzten sechs Monate in Portugal bei der dortigen Hälfte seiner Familie verbracht hatte. Wir hörten Musik von meinem Stecker und aus seinem mp3-Player (Def Con Dos, Cultura pro-base).

Er wollte mich wiederum günstig absetzen, nämlich gegen 23 Uhr an der Auffahrt von Talvera auf die Madrider Autobahn, jedoch kamen in dem Moment, in dem er dort anhielt, vier von der Grünen Polizei angelaufen und begannen, sein gesamtes Auto und auch meinen Rucksack nach Drogen zu durchsuchen. Sie hielten sogar meine Ohrstöpsel zunächst für Drogen. Danach wollten sie unbedingt, daß er mich an einer schlechteren Stelle absetzt, woraufhin er vorschlug, mich lieber mit zu sich nach Hause zu nehmen.

Also fuhren wir nach El Real de San Vincente, einen Ort von höchstens 5000 Einwohnern, in dem wir dennoch bis vier Uhr morgens von Kneipe zu Kneipe gehen konnten, in denen auch ordentlich der "Schokolade" zugesprochen wurde und zum Beispiel Los Delincuentos gespielt wurden, die in einem Lied eine Autodurchsuchung durch die Grüne Polizei behandeln. Der Refrain geht dann etwa: Da ist nichts, da ist nichts, wir haben nichts, das haben wir alles schon aufgeraucht.

24062006376


Auf dem Bild noch mal der Ort am Morgen, als ich wieder zur Autobahn an die schöne Stelle zurückgebracht wurde. Dort kam ich auch nach zwei Stunden mit einem sympathischen Ex-Knacki nach Madrid weg, nicht jedoch, ohne zuvor noch mal eine gründliche Rucksack-Inspektion von der Policia besorgt zu bekommen. Das ist ja wie zu Hause, verdammt.

24062006377
26.6.06 01:46


26.6.06 02:10


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